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„Die Entdeckung der Arktis“ – grottenschlecht übersetzt!

19. April 2012

MATTI LAINEMA / JUHA NURMINEN, Die Entdeckung der Arktis. Aus dem Englischen von Simone Gruber, Barbara Lössl u. Frank M. von Berger. (Stuttgart 2010: Theiss). 352 S., ca. 270 Abb. u. Karten.

Der erste Eindruck ist überwältigend! Ein großformatiger Prachtband, der das Herz eines jeden höher schlagen lässt, der gerne mit dem Finger auf der Landkarte unterwegs ist und sich in die die Zeit der Segelschiffe und frühen Entdeckungsreisen hineinträumt! Fast auf jeder Seite des schwergewichtigen Folianten schlagen einen alte Stiche und Gemälde, aber auch moderne Farbfotos der Arktis in ihren Bann. Und immer wieder Karten, Karten, Karten! Alles in hervorragender Reproduktion und gelungenem Layout!

Man merkt es sofort: Hier sind keine gewöhlichen Publizisten am Werke, sondern Liebhaber nautischer Raritäten und leidenschaftliche Seefahrtshistoriker. Und so ist dieses Buch auch anders angelegt als viele andere der gegenwärtig populären Publikationen über Polarexpeditionen. Es geht hier nicht vorrangig um den Wettlauf zum Pol und das damit verbundene Abenteuer, sondern um die Geschichte der Seefahrt und Kartographie. Und damit um die Veränderung des Weltbildes durch die schrittweise Erweiterung des Horizontes in Richtung Nordpol und dessen Konsequenzen.

Die Autoren beginnen dabei mit den Reisen des Pytheas im vierten Jahrhundert vor Christus und enden mit dem dänisch-grönländischen Forscher Knud Rassmussen und dem Isländer Vilhjálmur Stefánsson zu Beginn des vorigen Jahrhunders. Besonders lobenswert: Die ersten Pioniere der Arktis, die Ureinwohner Sibiriens, der Nordamerikanischen Polargebiete und Grönlands werden gebührend gewürdigt. Neben den Wikingern und dann den großen Helden der Entdeckungsgeschichte wie Barents, Bering, Cook, Parry und Peary usw. widmen sich die Autoren auch Handelsunternehmungen, Walfängern und unbekannteren Kartographen. Den Seefahrern der Barockzeit wird dabei viel Raum gegeben. Um so bedauerlicher, dass der Flug Byrds über das Eismeer und die Überquerung des Nordpolargebietes mit dem Luftschiff Norge – schließlich war seine von Amundsen geführte Besatzung die erste, die den Nordpol nachweislich zu Gesicht bekam – nur im Nachwort kurz subsummiert werden. Der von diesen Flugpionieren gemachte Schritt vom „heroischen“ ins technische Zeitalter gehört in ein so umfassend angelegtes Buch unbedingt hinein!

Bei der Vielzahl und der Vielfalt der dargestellten Unternehmungen ist es den Verfassern jedoch nicht möglich, all zu sehr ins Detail zu gehen, den Alltag der Reisenden ausführlicher zu beschreiben oder, wie Fergus Flemming in „Neunzig Grad Nord“, Psychogramme einzelner Expeditionsteilnehmer zu zeichnen. Den im Untertitel des englischen Originals versprochenen Bezug zum Klimawandel können die Autoren ebenfalls nicht herstellen.

Trotz des hoffnungvollen Ansatzes von Lainema und Nurminen sowie der optisch so brillianten Umsetzung ist dieses Buchprojekt gescheitert! So viel Freude es macht, in den üppigen Bildern zu schwelgen, den Text lesen sollte man nicht. Zumindest nicht die deutsche Übersetzung. Dort stößt der Leser nämlich Schritt und Tritt auf Ungereimtheiten. „Die Kotsche erreichte eine Geschwindigkeit von 6,5 Knoten in fünf Stunden“ (S. 115). Moment mal, „Knoten“ sind doch „Seemeilen pro Stunde“! Gemeint ist wohl: „Die Kotsche erreichte auf einer fünfstündigen Fahrt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,5 Knoten.“ Da wird das Expeditionschiff Fram als „Gaffelschoner“ bezeichnet, im nächsten Satz ist aber von Rahsegeln die Rede (S. 273), und die gibt es bei einem reinen Schoner nun mal nicht. Richtig ist: die Fram wurde als Gaffelschoner konzipiert und gebaut, dann aber auf Betreiben von Otto Sverdrup zu einer Schonerbark umgetakelt. Nur steht das so nicht im Text.

Dass „Riemen“ als „Ruder“ und „Spanten“ als „Rippen“ bezeichnet werden, ist man aus anderen schlechten Übersetzungen ja schon gewohnt. Aber wenn im Text ein Schiffsrumpf nicht beplankt, sondern „getäfelt“ ist und man für die Bramstenge das Wort „Haupt-Topmast“ erfindet, dann tut das weh! Und eine Lotung (Tiefenmessung) als Peilung zu bezeichnen, ist schlichtweg falsch. Den im 19. Jh. von vielleicht ein, bestenfalls zwei Dutzend Inuit besiedelten und aus kaum einer Handvoll Iglus und Zelten bestehenden Wohnplatz Netlik (= Natsilivik) in Nordgrönland als „Stadt“ zu bezeichnen (S. 251), ist geradezu grotesk!

Die Autoren, hauptberuflich Geschäftsleute, mögen vielleicht nicht Meister des Wortes sein, aber die Kennerschaft in Sachen Seefahrt möchte ich nicht in Zweifel ziehen. Das Desaster wurde im Wesentlichen von den Übersetzern verursacht, die sich ganz offensichtlich nicht im geringsten mit der vorliegenden Materie befasst haben, die nie auch nur einen einzigen Blick in die Erzählungen Herman Melvilles oder Joseph Conrads warfen und die nicht einmal Gespür für die eigene Sprache an den Tag legen.  Warum das Lektorat des Konrad Theiss Verlages – eigentlich für gediegene Publikationen zu archäologischen Themen bekannt – hier nicht lenkend eingegriffen hat, ist mir schleierhaft. Man sollte sie, Übersetzer wie Lektoren, zu sieben Jahren Zwangsarbeit als Aufseher in einem Schiffahrtsmuseum verurteilen. Oder, noch besser, zu einer Überwinterung in der „Stadt“ Netlik, mit Friedrich Kluges „Seemannssprache“ als einziger Lektüre, zum auswendig lernen.

Die Schlamperei der Übersetzer und Lektoren ist deshalb besonders bitter, weil das Buch sonst ausgesprochen schön gemacht ist und manch ein von Entdeckungsreisen faszinierter Junge, von der Optik getäuscht, vielleicht lange darauf spart.

Die erste deutsche Auflage wird wohl auf dem Ramschtisch eines modernen Antiquariats oder als Dekoration im Möbelhaus landen.

Eine gründliche und kompetente Neuübersetzung und ein abrundendes Kapitel über die Flüge von Ellsworth, Byrd, Amundsen und Nobile könnten aus der Vorlage jedoch ein Standardwerk machen, das über Jahrzehnte Bestand hat. Die Mühe der Autoren hätte das verdient.

(Ismael Kluever)

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