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Helms-Museum: Schnickschnack statt Didaktik

19. April 2012

Das Helms-Museum in Hamburg Harburg ist so etwas wie das Stiefkind in der hamburgischen Museumslandschaft. Im ungeliebten Stadteil südlich der Elbe gelegen, hat es schon aus verkehrstechnischen Günden Probleme, sich gegen die zentralen großen Kunstmuseen in der Nähe des Hauptbahnhofes, gegen das Völkerkundemuseum an der Rothenbaumchaussee oder die vielen Ausstellunggshäuser in der touristisch attraktiven Speicherstadt im Hafen der Hansestadt zu behaupten. Mit der 2010  neu eröffneten Dauerausstellung wird sich das Archäologische Museum Hamburg, wie es inzwischen offiziell heißt, die Missachtung durch das breite Publikum zurecht verdienen.

Die Wurzeln des heutigen Landesmuseums liegen in einem 1924 gegründeten kleinen Heimatmuseum der damals noch zur Provinz Hannover, also zu Niedersachsen gehörenden Kreisstadt Harburg. Nach der durch den Prähistoriker Karl Hermann Jacob-Friesen veranlassten Neustrukturierung bekam die Sammlung 1930 mit Willi Wegewitz einen zunächst ehrenamtlichen, ab 1937 hauptamtlichen Direktor. Als Lehrer ausgebildet, verband Wegewitz den Geist früherer Universalgelehrter mit der Professionalität des sich gerade herausbildenen Berufsstandes der Ur- und Frühgeschichtsarchäologen.

Auch nach dem Großhamburg-Gesetz von 1937 – Harburg wurde Teil der Freien und Hansestadt Hamburg – und dem Zweiten Weltkrieg blieb das Helms-Museum weiter für die archäologische Denkmalpflege im niedersächsischen Kreis Harburg zuständig. Wegewitz machte mit einem unglaublichen Grabungseifer das Gebiet zwischen Süderelbe und Lüneburger Heide zu einem der archäologisch am besten erforschten Gebiete Norddeutschlands. Der Forscher grub jedoch nicht nur viele germanische Urnengäberfelder aus, die ihm unter Studenten den Scherznamen “Langobarden-Willi” und umgekehrt der zugehörigen eisenzeitlichen Kulturgruppe die Bezeichnung “Wegewitzien” eintrug. Mit der Gründung des Freilichtmuseums am Kiekeberg südlich von Hamburg würdigte er die bäuerliche Kultur Nordniedersachsens, die Ausstellung im 1955 neu erbauten Helms-Museum widmete sich neben der Urgeschichte auch der Geologie des Süderelberaumes und der Stadtgeschichte Harburgs.

Nachdem das Museum 1972 zum zentralen (aber nicht zentral gelegenen) archäologischen Museum für Hamburg geworden war und die urgeschichtlichen Sammlungen anderer Museen übernahm, begann auch in der Ausstellung die Fokussierung auf die Ur- und Frühgeschichte. Unter Claus Ahrens (1966 – 1985 Direktor des Helms-Museums) wurde 1976 zunächst die stadtgeschichtliche Abteilung abgebaut und durch moderne didaktisch ausgezeichnet gestaltete Themenkomplexe ersätzt. Dabei kombinierten Ahrens und seine Kustoden Laux und Thieme kulturgeschichtliche Themenkomplexe geschickt mit der Darstellung archäologischer Methoden.  Die horizontale Belegungsabfolge des spätsächsischen Gräberfeldes von Ketzendorf wurde an einem interaktiven Modell und die Sozialstruktur durch Tracht- und Waffenfunde vorgestellt, die stratigraphische Methode lernte der Besucher an Schichtprofilen aus Alt-Hamburg kennen, das Thema Brandbestattung wurde mit Analysemethoden von Leichenbrand aus der physischen Anthropologie verbunden, ein großes präpariertes Torfprofil mit entsprechenden Moorfunden führte  in das Thema Moorarchäologie ein.

Die Erfahrungen mit der Verbindung von Bodenurkunden, ihrer Dokumentation, ihrer Auswertung und der daraus resultierenden Rekonstruktion früherer Lebensumstände wurden 1978 in der Sonderausstellung “Sachsen und Angelsachsen” (für die die geologisch-landschaftskundliche Abteilung weichen musste) konsequent umgesetzt. Nicht nur durch die internationale Liste von Leihgebern, sondern auch auf Grund der trotz einfachster Mittel hervorragenden Didaktik mit dem Nachbau von Grabungssituationen und Befunden, Karten, Graphiken und immer wieder vielfältigen Rekonstruktionen verschaffte sich das Museum einen überregionalen Ruf.

Nach der Pensionierung von Ahrens erlebte das Haus eine wechselvolle Geschichte, sowohl Direktion wie auch Gestaltung und Ort der Ausstellung wechselten mehrfach. Am 14. Mai wurde nun die archäologische Dauerausstellung in den Räumen der früheren Stadtbücherei am Rathausplatz eröffnet.

Ausgestattet mit Eintrittskarte und einem Katalog in Taschenbuchformat betritt der Besucher durch ein weiß leuchtendes Gletschertor aus Plastik die unter Etage der 1300 qm großen Ausstellung. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass das Gletschereis aus Tausenden von Eiswürfelformen besteht. Nun, in Zeiten des globalen Klimawandels kennen die  Museumsgänger das Phänomen “Kälte” in erster Linie aus dem Gefrierfach ihres Kühlschrankes. Trotzdem ist die Assoziation irreführend. Denn die Gletscher der Eizeit, an die das Gebilde erinnern soll, hatten eine ganz andere Struktur als die Eiswürfel in der Cola. Aber davon erfährt der Besucher nichts. Ebenso wenig von Gletscherspalten, subglazialen Rinnen oder Tunneltälern, die darzustellen sich einem Prähistoriker hier eigentlich aufdrängen müsste.

Üblicherweise liegt von einem Gletschertor entweder der Schwemmkegel eines Sanders oder ein mit trüber “Gletschermilch” gefüllter See. Doch der Besucher steht ohne Rücksicht auf glazialmorphologische Gegebenheiten in einer kuppigen Grundmoränenlandschaft aus museumstechnisch verfestigtem Geschiebelehm und etlichen Findlingsbrocken, die die ganze untere Ausstellungsetage einnimmt. Einer der vorderen Findlinge weist Schrammen vom Transport im Eis auf. Durch Schlaglicht, also Beleuchtung von der Seite, hätten diese Beweise der Bewegung der Eiszeitgletscher besser sichtbar gemacht werden können.

Dort begrüßt einen die Skelettmontage eines Riesenhirsches und der nach Art einer Safari-Jagdtrophäre auf ein Dreibein platzierter Auerochsenschädel. Riesenhirsch und Auerochse sind warmzeitliche Waldbewohner, haben also in einer noch unbegrünten Grundmoränenlandschaft eigentlich nichts zu suchen. Auch nicht der gewaltige Saurierknochen dahinter, der aber gar kein Saurierknochen ist, sondern nur ein Symbol. Aber das muss einem erst einmal gesagt werden. Chronologische Orientierung wird einem die Ausstellung bei dieser Zeitreise  ohnehin nicht bieten, dazu muss man immer umständlich im Taschenkatalog  blättern. Die Knochen gehören nämlich zum Thema Nahrung, doch dazu später mehr.

Gegenüber das Schädelfragment eines Menschen aus der Mittleren Steinzeit, gefunden auf der Elbinsel Hanöfersand. Hier wäre Platz für die erste Kriminalgeschichte. Leider wird sie nicht erzählt. Die naturwissenschaftliche Datierung der Schädelkalotte mit der 14-C-Methode wurde nämlich von einem Frankfurter Hochstapler durchgeführt. Und nach dessen “Messwerten” stammte das Objekt aus der Epoche der Neandertaler. Und der Hamburger Antropologe Günter Bräuer zerbrach sich den Kopf (den eigenen!) darüber, warum jener “Neandertaler” so modern-menschliche Züge hatte. Es dauerte lange, bis der Skandal aufgeklärt war. Wie auch immer: Man hätte an dieser Stelle radiometrische Datierungsmethoden thematisieren können. Hat man aber nicht.

Die Elbe als naturräumliche Lebensader der Region wird dem Publikum nicht durch eine große Karte oder ein Blockrelief des Urstromtales vorgestellt, sondern durch einen überdimensionierten Wasserhahn. Dümmer gehts nicht! Das Problem ist ja gerade, den Großsstadtmenschen zu verdeutlichen, dass das Wasser nicht einfach aus der Leitung kommt, sondern einen Weg innerhalb eines Naturraumes – z. B. durch vielfältige Erdschichten – genommen hat. Die Ausstellung hätte also die Aufgabe, den Blick für die Landschaft, die durch die dichte Bebauung heute ja kaum noch zu erkennen ist, zu schärfen.

Durch in Taucherbrillen darf der Besucher dort durch blaue Folie symbolisiertes Elbwasser auf am Boden liegende Flussfunde schauen. Spätestens hier bekommt man Lust, die Ausstellungsmacher in den Hamburger Hafen zu werfen. Dann wüssten sie wenigstens, dass das Elbwasser nicht blau und klar, sondern olivgrün ist und so trüb, dass ein Taucher so gut wie gar nichts sieht. Erst recht keinen flächendeckenden Scherbenteppich, sondern Schlamm, der zugegebenermaßen zur Freude der Archäologen mit dem Müll aller Epochen durchsetzt ist.

Ein Spankorb mit Funden aus dem Mesolithikum repräsentiert den Nahrungserwerb durch Sammeln, ein Fischspeer nebst spitzbodigen Becher und Gräten sind sinniger Weise in einer überdimensionierten Sardinenbüchse platziert. Launige Idee, aber hätte man heutigen Fischstäbchen-Kids nicht auch zeigen können, wie die zu den mittelsteinzeitlichen Abfällen gehörenden Fische “in Echt” aussehen?

Gelungen: Im Themenbereich “Werkstoffe” verdeutlicht ein Puzzlespiel aus Brettern mit vergrößerten Baumringen das Prinzip der Baumringdatierung.

Nun gerät ein Stapel Fernsehbildschirme in den Blick, die alle ein lustig flackerndes Feuer zeigen. Man kann sie auf ein Filmprogramm zur Archäologie umswitchen. Aber davon erfuhr ich erst zu Hause, als ich mir den DinA 2 -formatigen (und deshalb während des Besuches unbrauchbaren) Ausstellungsplan vor nahm. Aber egal, fernsehgucken kann ich besser daheim, dazu fahre ich nicht nach Harburg und zahle Eintritt.

Leider reicht die Leuchtkraft der Bildschirmflammen nicht aus, die Scheibenfibel von Tangendorf ins rechte Licht zu setzten. So bleibt die weltweit schönste und prachtvollste Gewandspange ihres Typs (Almgren 225) aus dem dritten Jahrhundert im einsamen Halbdunkel ihrer Vitrine wohl weitgehend unbeachtet. Ebenso bleibt verborgen, dass in der geheimnisvollen Tierdarstellung auf ihrer Vorderseite die Wurzel einer Fülle von eigenständigen und äußerst originellen Bildmotiven liegt, die bis ins Mittelalter hinein die Kunststile von Germanen, Skandinaviern und Iren prägten.

Weiter hinten endlich wieder richtige archäologische Methodik. Bronzebeile in typologischer Reihe, die technische Weiterentwicklung vom Flachbeil über das Randleistenbeil bis zum Absatzbeil, Oscar Montelius sei’s gdankt! Nur, – die zeitliche Reihefolge ist falsch herum! Schließlich liest der normale Mitteleuropäer von links nach rechts und nicht umgekehrt, und entsprechend sind nun auch mal die Sehgewohnheiten in einer Ausstellung.

Vorbei an eisenzeitlichen Rennfeueröfen (in Fortsetzung des Themas Feuer und Innovation) und einem Sammelsorium von Waffen (Thema Gewalt) gelangt der Besucher zum Themenkomplex Tod. Eindrucksvollstes Exponat: ein Leichenwagen, der einen Senkrechtstart durch die Hallendecke hinlegt! Kein Verkehrsunfall eines alkoholisierten Sargchauffeurs, sondern Ergebnis der Geisterfahrt von Ausstellungsmachern, die von was weiß ich geritten wurden. Meine Güte, wie soll man Kindern erklären, was das soll?!  Offensichtlich können die Museumsdesigner selber nicht mit dem Thema umgehen, anders kann ich mir das nicht erklären.

Bei so viel effekthaschendem Schnickschnack werden jene im Halbdunkel der Saalrückwand hängenden Profilpräparate von Brandgräbern, deren Darstellung in keinem Standardwerk über Germanen fehlt, wohl glatt übersehen. Ein Schattendasein führt dort auch das spätsächsische Drei-Pferde-Grab aus Wulfsen, das angeblich nur auf Druck des Landkreises in die Ausstelung aufgenommen wurde.

Das berühmte Kriegergrab 150 aus Putensen ist im Boden versenkt. Das soll die Grabgrube symbolisieren, wirkt aber eher wie ein Gully. Dabei hätte man den schönen, dem Toten mitgegebenen Augenfibeln doch gerne in die Augen geschaut.

Ob die heutigen Besucher hier das gleiche Erlebnis haben wie ich damals, als ich als kleiner Junge die nach heutigen Kriterien so spießige Ausstellung eines Willi Wegewitz durchstreifte? Dort war über der Vitrine mit dem mit Leichenbrand gefüllten Bronzekessel ein sehr einfaches Bild gemalt: Ein brennender Scheiterhaufen, darauf der Krieger in seiner Tracht, in würdigem Ernst umstanden von einer Schar Germanen. Ein so einfaches, wortloses Mittel, ich begriff auf Anhieb, worum es ging… und war von diesem zwei Jahrtausende zurückligenden Geschehen erschüttert!

Friedrich Laux hatte später das gleiche Grab zur Darstellung der Gesellschaftspyramide der römischen Kaiserzeit benutzt. Oben in seiner Vitrine ein Foto des reichen Beigabeninventars von Marwedel als Beispiel der Fürstengräber vom Typ Lübsow, darunter das mit römischen Kasserollen, dem Kessel, Waffen und Silberfibeln (Gewandspangen) immer noch großzügig ausgestattenten Grabes 150 aus Putensen, schließlich darunter beigabenarme Brandgräber als Repräsentanten der einfachen Bevölkerung.

In der nun folgenden Abteilung leisten sich die Ausstellungsmacher etwas, was ein Museumsbesucher im Gästebuch des Hauses treffend als “Satire” bezeichnet. Große Moorfunde, das Paddel von Duvensee, ein Einbaum, ein mittelalterliches Wagenrad und ein im Torf konservierter  Teil eines Bohlenweges stehen für den Komplex “Mobilität”. Nur: einige Vitrinen hier sind für gehbehinderte Menschen schlichtweg unerreichbar! Die hatten es in der pleistozänen Trümmerlandschaft ohnehin schwer, obendrein sind viele Exponate, weil in Kniehöhe ausgestellt, nur in kriechender Haltung zu betrachten. Aber hier findet die “Mobilität” von Senioren ein absolutes Ende.

Wenn damit auch der Rundgang ein Ende finden sollte: Macht nichts. Das Obergeschoss mit noch einmal der gleichen Ausstellungsfläche hat kaum noch etwas zu bieten. Im Wesentlichen werden die Themen Werkstoffe, Innovation, Nahrung, Gewalt, Tod und Mobilität wieder aufgegriffen.

Vielleicht bemerkenswert: zerglühte Objekte aus dem Schutt des im Bombenkrieg zerstörten Hamburg und Funde aus dem KZ Neuengamme. Aber, wenn die Ausstellungsmacher sich schon für eine thematische und nicht chronologische Konzeption entschieden haben, warum setzen sie das nicht zu den Streitäxten und Schwertern im Erdgeschoss?!  Krieg und Gewalt ist doch ein und dasselbeThema!

Die Hilflosigkeit der Konzeption zeigt sich im Obergeschoss noch mehr als vorher darin, dass alberne “künstlerische” Symbolobjekte wie ein Schwein aus Konservendosen und ein Gebiss aus Blumentübertöpfen (noch einmal Nahrung) tatsächliche Funde ersätzen.

In einem Baucontainer, wie er auf Ausgrabungen benutzt wird, darf der Besucher dann doch noch in die Arbeitsatmosphäre der Archäologen hineinschnuppern. Auf Zetteln sind Gerätelisten und auch ein paar launige Bemerkungen der Grabungarbeiter zu lesen. Ein ausgehängter Grabungsplan macht allerdings einen dürftigen, vor allem farblosen Eindruck. Unter den Grabungsgeräten habe ich einen Feldbuchrahmen mit einer, sagen wir – halbfertigen, aber kolorierten Befundzeichnung vermisst. Am besten hätte man den entsprechenden Befund, etwa eine kleine Grabungsfläche mit Profilen und Planum mit Pfostenlöchern oder dergleichen,  vor dem Container aufbauen können. Es hätte gezeigt, dass es bei Grabungen nicht um das Auffinden einzelner Funde geht, – das wäre bloße Schatzgräberei! – sondern um alle darüber hinaus gehenden Spuren in der Erde, die unsere Vorfahren hinterlassen haben und die in geradezu kriminaltechnischer Arbeit dokumentiert und ausgewertet werden müssen. Archäologen geht es also um das Lesen von Bodenurkunden und nicht um das Sammeln von Buchstaben.

Möglich ist so etwas, der Grabungstechniker Friedrich Mahlstedt hatte im Helms-Museum ofters schon Teile von Urnengräberfeldern “in situ”, im Zustand während der Ausgrabung, installiert. Mit zwischen Pflöcken gespannten Messschnüren, Steinsetzungen und allem drum und dran. Platz dafür wäre vorhanden.

Statt dessen wird eine erschreckend große Fläche für das wohl Schlimmste verschwendet, was ausstellungstechnisch machbar ist. Nämlich Funde völlig wahllos, ohne Erklärung, ohne Hinweise auf den Befund, ohne auch nur die Andeutung eines Lebenszusammenhanges der früheren Menschen einzeln in kleine Vitrinen zu deponieren.

So etwas ist kontrainformativ, weil in dieser Form ein Plädoyer für Schatzgräberei. Funde ohne Befunde, das ist wie Buchstaben ohne Texte. Aber gerade das ist Aufgabe eines archäologischen Museums: für die wissenschaftliche Dokumentation komplexer Fundzusammenhänge und, wo möglich, für die Erhaltung von Bodendenkmalern zu werben. Die Exponate dieser Abteilung könnten jedoch genau so gut von Raubgräbern an den Kunsthandel geliefert worden sein.

Wer nicht glaubt, dass die zusammenhanglose Präsentation einzelner Antiquitäten der größte Unfug ist, der in einem archäologischen Museum geschehen kann, der möge sich bitte mit Stoppuhr und Zettel dort hinsetzten und notieren, wie lange sich die Besucher dort aufhalten und wer tatsächlich im Katalog nachschlägt, was er da vor sich hat.

Ein großer Verkehrsnetzplan auf dem Hallenboden soll wohl auf die “Mobilität” in der Moderne hinweisen, aber die Besucher haben das schon auf der S-Bahnfahrt nach Harburg erleben können. Also, was soll’s? Vielleicht soll das auch symbolisieren, dass man überall in Hamburg auf archäologische Fundplätze stoßen kann. Aber das hätte eine Fundstellenkarte, wie sie von den Bodendenkmalpflegern tatsächlich benutzt wird, besser zeigen können.

Zum Schluss darf der Besucher noch einen Blick in einen nachgebauten Raum des Museumsmagazins werfen. Kleiner Bonbon für den Kenner: Die Urnen im Regal hinten sind chronologisch geordnet: oben beginnend mit der Stufe Jastorf A vom Beginn der  Eisenzeit bis hin zu den nachchristlichen Perioden ganz unten. Es müssen beim Aufbau also doch mal Wissenschaftler vorbeigekommen sein.

Die Kartons in der Mitte des Raumes sind leer. Bei all der überbordenden Symbolik dieser Ausstellung, die immer wieder mühsam entschlüsselt werden muss, statt Befunde, Karten und Rekonstruktionen für sich wirken zu lassen, – auch diese leeren Kartons sind ein Symbol: Das Museum kann einpacken!

Der Informationswert der Exponate wird  nicht annähernd erschlossen.

Das Museum aus der Zeit eines Willi Wegewitz würde uns mit den vielen in Reih und Glied stehenden Vitrinen sicher altbacken und muffig vorkommen, aber alles war hell und gut zu sehen. Man konnte an die Exponate herantreten und brauchte nicht auf dem Boden herumzukriechen. Und so vieles sprach für sich selbst.

Claus Ahrens hatte, wie schon sein Vorgänger, das Handwerk des Pädagogen von Grund auf gelernt. Urgeschichte war für ihn immer auch Landschaftsgeschichte. Und um das darzustellen, zog der die führenden Köpfe der Quartärgeologie heran. Nur als Sonderausstellung gedacht, aber genial: das Panorama der Jahrtausende. Wo ist es geblieben? Warum hat es der heutige Direktor an das Altonaer Museum abgetreten?

Der leidenschaftliche Friedrich Laux war einer, der nie ein Schwert, sondern immer einen Schwertkampf ausstellen wollte – und er hat es auch getan!

Alles rastlose Forscher und gleichzeitig Geschichtenerzähler, nein, Geschichte-Erzähler, die ihr Wissen unbedingt selbst unter das Volk bringen wollten und dabei ganz ohne visuelles Geschwätz auskamen.

Und die heutigen Ausstellungsmacher? Es sind Esther Wolff und Edward Naujok,  in der norddeutschen Landschaft fremd und nicht im Geringsten mit Archäologie vertraut. Aber sehr darauf erpicht, sich als postmoderne Künstler zu verwirklichen. Sie sind weder Wissenschaftler noch Pädagogen, sondern Mitarbeiter des Ravensburger Freizeit- und Promotion-Sevice, spezialisiert auf die Bespaßung von Kindern in Freizeitparks und darauf, bei Messen und sonstigen Events die Aufmerksmkeit der Kunden zu erregen.  Mit ihrer Aufgabe, Wissenschaft, Kultur- und Landschaftsgeschichte pädagogisch angemessen zu vermitteln, völlig überfordert.

Ihre “künstlerischen” Gestaltungselemente der Ausstellung haben einen hohen Reizwert. Um einen akustischen Vergleich zu wählen: Sie sind relativ “laut”. Funde und Befunde sind dagegen “leise”. Meistens sind sie optisch klein und unscheinbar. Um aufmerksam wahrgenommen zu werden, vertragen sie keinen Lärm, keine ablenkende Reizflut. Was archäologische Exponate brauchen, ist die Anregung zur imaginativen visuellen Rekonstruktion des nicht-sichtbaren Urspunges. Das ist für den Besucher eine anspruchsvolle Hirnleistung, die aber leicht möglich ist, denn der Mensch neigt von Natur aus zu ganzheitlichem Denken. Er kann in der Phantasie viel Fragmentarisches “ganz machen”. Nur darf der Betrachter dabei nicht durch anderes abgehalten werden. Die Entschlüsselung intellektuell extrem komplexer künstlerischer Chiffren jener Ausstellungsmacher ist dabei jedenfalls hinderlich, wenn nicht für viele eine Überforderung.

Wenn die Leitung des Museums nicht riskieren möchte, das der Etat des Hauses mangels Qualität auf Null gesetzt wird oder der Landkreis Harburg seinen Anteil an Fundus und Dokumenten zurückfordert, ist eine zügige Neugestaltung der Dauerausstellung nötig.

Ohne teuren Schnickschnack, der vom Wesentlichen ablenkt.

(Ismael Kluever)

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From → Kultur

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