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Kormoran und A 380: Elbmarscherinnerungen

24. April 2012

Kürzlich erzählte jemand begeistert davon, wie er mit der ganzen Familie zu einem Flughafen gefahren war, nur um das Riesenflugzeug A 380 einfliegen zu sehen. Meine Faszination hielt sich in Grenzen. In mir stiegen Erinnerungen auf…

Es ist lange her, aber in meinem Herzen immer noch lebendig. Ich gehöre zu der Generation, die ich in Anlehnung an die 68er Studentenbewegung die 78er Ökobewegung nennen will. Wir waren damals eine kleine Gruppe von Jugendlichen, die sich im Naturschutz engagierten.

Jedes Wochenende versuchten wir, dem Moloch der Milionenstadt Hamburg zu entkommen. Oft trafen wir uns am Samstag in aller Herrgottsfrühe mit den Rädern an der B 73 bei Bostelbek, radelten weiter bis Neugraben und bogen hinter dem S-Bahnhof in die Elbmarsch ein. Dort, im Neugrabener Moor, kramten wir Pflanzenbestimmungsbücher und Ferngläser aus den Packtaschen, kescherten in den Gräben und bewunderten die schillernden Libellen und tauglänzenden Netze der Kreuzsspinnen. Wir fachsimpelten über den so heimlichen Wachtelkönig und die Sumpfohreule. Oder wir lagen einfach im Gras und schauten den Balzflügen der Bekassinen zu.

Nach einem Blanceakt über einen Holzbalken, der über den langen Torfgraben gelegt war, fuhren wir dann weiter zur Alten Süderelbe. Dort gab es – welch Luxus! – eine Beobachtungshütte, von der wir die Wasservögel im Schutzgebiet Mühlensand beobachten konnten. Dort sah ich zum ersten Mal einen Kormoran. Auch Schachblumen gab es dort. Und wenn wir über rostige Rohre zu den Spülfeldern hinüber kletterten, konnten wir sogar Säbelschnäbler bei der Futtersuche beobachten.

Dann machten wir uns wieder auf und radelten durch den idyllischen „Rosengarten“, den einzigen erhaltenen Koog (Ringdeich) an der Süderelbe, der es mir mit seinen alten Bauernhäusern und schönen Obstbäumen besonders angetan hatte.

Schließlich kamen wir zum „Mühlenberger Loch“ bei Finkenwerder. Dort verbreitert sich die Elbe auf 2,6 km. Bei Ebbe – die Unterelbe ist ein Tidengewässer – erstreckte sich dort ein Süßwasserwatt von über vier Quadratkilometern. Ein Paradies für Wasservögel. Brachvögel, Pfuhlschnepfen und Strandläufer stocherten da im Schlamm herum. Und in der Zugzeit rasteten Aberhunderte von Enten in der Bucht…

Inzwischen ist ein großer Teil des Mühlenberger Loches zugeschüttet. Dort stehen nun die Montagehallen für den A 380. Auch die Frachtversion des Riesenfliegers will man dort bauen. Damit er überhaupt abheben kann, wird die Startbahn durch den „Rosengarten“ bis fast an den Ortsrand von Neuenfelde verlängert. Man stelle sich vor: ein Frachtflugzeug, dass unbeladen(!) und nur mäßig betankt nach 2,5 km Anlauf (bisherige Startbahnlänge) die Hufe nicht von der Piste kriegt!

Wozu braucht man so eine bleierne Ente? Warum will man so viel Lasten durch die Luft transportieren? Will man Schiffe und die Eisenbahn damit ersätzen? Hat man die Sache mit dem Klimawandel und den begrenzent Erdölressourcen noch nicht begriffen?

Wir, die wir damals in Pali, Parka und Gummistiefeln das Urstromtal der Elbe erkundeten, hatten es jedenfalls begrifffen. Aber Geld regiert die Welt. Und Geld macht vergesslich.

Wenn ich an den A 380 denke, muss ich immer auch an meinen ersten Kormoran denken, an den Großen Brachvogel und die Schafstelze. An die Kuckuckslichtnelke und die Schachblume. An Rohrkolben und knorrige Korbweiden. Das tut weh!

Ismael

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From → Natur und Umwelt

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