Skip to content

Christianisierung der Inuit als Trauma: Spielfilm „The Journals of Knud Rassmussen“

4. Mai 2012

Den Handlungsrahmen des Spielfilms der kanadischen Regisseure Norman Cohn und Zacharias Kunuk (2001 Goldene Kamera in Cannes für „Atanarjuat – The Fast Runner“) bildet die Fünfte Thule-Expedition 1921 -1924. Die dänischen Ethnographen Peter Freuchen (Kim Bodnia), Knud Rasmussen (Jens Jörg Spottag) und Terkel Mattiassen (Jakob Cedegren) erkunden die Lebensumstände der Inuit im Norden Kanadas.

Nicht nur die klimatischen Bedingungen und die Abhängikeit vom Jagderfolg sind hart für die Menschen. Der Schamane Avva (Pakak Innuksuk), aber auch die übrigen Angehörigen seiner Sippe, müssen strenge Regeln, Speisevorschriften und Tabus beachten. Ein Verstoß, so erklärt Avva dem Völkerkundler Rasmussen, ist Ursache für Krankheiten, Schneestürme und Hungersnöte. Aber er berichtet auch von mystischen Erfahrungen, die ihm als Schamane zuteil werden.

Bildrechte: Isuma Distribution International Inc., freigegebenes Pressefoto

Die Beziehung des herben Avva zu seiner empfindsamen, aber eigensinnigen Tochter Apak (differenziert und ausdrucksvoll dargestellt von Leah Angutimarik), aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird,  ist gespannt. Das sich im engem Raum der Iglus abspielende Familienleben erlaubt keine Privatsphäre. Die junge Inuk-Schönheit, die selber schamanistisch begabt ist, liebt ihren ersten, von einem Weißen ermordeten Mann Nuqallaq über dessen Tod hinaus. In der sich langsam entwickelnden Erzählung wird ihre Tragik behutsam vorgetragen: Den Rächer der Mordtat zu heiraten, hat ihr Avva verboten, dem Jäger, mit dem sie nach dem Willen ihres Vaters den Iglu teilen muss, verweigert sie sich. So leidet sie nicht nur unter den rigorosen Vorschriften, mit denen die Naturgeister friedlich gestimmt werden müssen, sondern auch unter Avvas Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen von Weißen.

Zusammen mit den unparteiischen Ethnologen macht sich Avvas Clan auf die beschwerliche Reise nach Igloolik. Entkräftet und ohne eigene Vorräte erreichen sie den für damalige Verhältnisse großen Wohnplatz der Inuit am Fury und Hecla-Sund. Doch die dortigen Inuit sind kurz zuvor christanisiert worden. Die christlichen Europäer werden brüderlich zum Essen eingeladen, die heidnischen Verwandten aber mit evangelikalem Eifer von den Neubekehrten beschworen, den teuflischen Geistern abzuschwören. Der neue Glaube zerreißt nicht nur die Sippe, sondern auch die einzelnen Menschen.

Das Drama ist in Inuktitut (der Spache der Inuit) gedreht und mit englischen Untertiteln versehen. Es ist für den europäischen Betrachter also nicht ganz einfach, alle Nuancen der Dialoge zu verfolgen. Dafür entschädigt der Film mit langen und ruhigen Sequenzen, die das Publikum in die herb-schöne Eislandschaft der Originalschauplätze hineinnehmen und mit vielen Details die Lebensumstände der Arktis schildern. Für mich faszinierend: die Lichtverhältnisse in Schneeiglus!

Bildrechte: Isuma Distribution International Inc., freigegebenes Pressefoto

Der evangelikal-fundamentalistische Duktus der Missionspredigt wirkt im Film recht platt. Hier verarbeitet Zacharias Kunuk ein eigenes Trauma, das er selbst ca. 45 Jahre nach den geschilderten Ereignissen durchlitten hat. Nach einer Kindheit in einer traditionellen Familie von Jägern kam er 1966 in die Schule nach Igloolik. Die dortige Missionsarbeit, insbesondere die Predigt über eine Paulusperikope, ich meine, es war Phil. 3, 7-8, beinhaltete für ihn nicht nur die Forderung nach einer Glaubensentscheidung, sondern gleichzeitig die schmerzhafte Entwurzelung  aus seiner Kindheit und der Kultur der Inuit.

Auf diesem Hintergrund sollte der Film gesehen und – dazu lade ich an dieser Stelle ein – diskutiert werden.

Man kann ihn hier als Internet-Stream anschauen oder hier gegen eine Spende nach eigenem Ermessen herunterladen.

Interessant ist auch das „Making of„.

(Ismael Kluever)

Fotos: freigegebene Pressefotos, Bildrechte: Isuma Distribution International Inc.

Advertisements

From → Film, Kultur, Rezensionen

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: