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Subversive Jackentaschen

2. Oktober 2012

Gestern war noch so ein richtig schöner warmer Tag. Und auch jetzt scheint die Sonne auf meinen Schreibtisch. Trotzdem, es lässt sich nicht verleugnen: die Mauersegler haben schon den Abflug gemacht, Bäume zeigen harmlosen Spaziergängern in dreister Unverschämtheit die ersten gelben Blätter, unter den Fahrradreifen knacken die Eicheln.

Schade eigentlich. Nein, nicht weil der Herbst mit Macht ins Land zieht. Ich mag den Herbst mit seinen Farben und Launen, den Tautropfen in prachtvollen Spinnennetzen, morgendlichen Nebeln, den Stürmen, den südwärts ziehenden Gänsescharen. Nein, das meine ich nicht.

Ich finde es schade um die Eicheln auf dem Asphalt. Achtlos werden sie plattgewalzt! Ich meine… es sind doch Baumbabies! Was könnte aus ihnen nicht werden! Meine Gedanken wandern zu den altehrwürdigen knorrigen Riesen, die  die Feldwege auf den Landgütern meiner Heimat säumen. Und ich sehe die oft so langweiligen,  notdürftigen (für die Notdurft der Hunde) „Grünanlagen“ in der Stadt, die die Trostlosigkeit der Häuserzeilen eher betonen als dass sie sie aufheben.

Also wandern heile und große Eichen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, in meine Jackentaschen. Taschen habe ich reichlich, denn in meinem Alter darf „mann“ Safariwesten tragen, ohne jemals die Kalahari durchstreift zu haben. Dort, in den Taschen, lagern schon Pflaumenkerne, die ich, zum Leidwesen meiner Liebsten, auf der Fensterbank habe trockenen lassen. Und so sehe ich bei Spaziergängen aus wie ein Hamster auf Raubzug.

In gebotener Heimlichkeit werden die Beutestücke dann hier und da in die Erde gedrückt. Am besten eignen sich Ränder von diesen langweiligen immergünen „Bodendeckern“, deren botanischer Name sich zu merken nicht lohnt (Lunicera, habe ich mir sagen lassen). Die gelten aus pflegeleicht, was da sonst noch wächst (in der Regel ist das eben: nichts!) wird von den mit Rasenmähen und Heckeschneiden betrauten Hausmeistern meistens übersehen.

Gut geeignet sind auch Flächen mit Hundsrosen. Gegen Hagebuttensträucher ist ja nichts einzuwenden. Sie blühen schön, locken Insekten an und manchmal sogar Fledermäuse. Aber eine Bereicherung, einen Baum als Überhälter, könnten sie doch vertragen. Wenn man die Eichel, den Pflaumenkern (natürlich dürfen es auch Bucheckern und Kirschkerne sein) nahe genug am Hundsrosenstock in die Erde drückt, ist der Sämling eingermaßen vor der Unkrauthacke sicher.

Die kleine Roteiche scheint sich recht wohl zu fühlen.

So, nun wissen Sie, warum ich auf dem Weg durch unser Viertel manchmal so selbstzufrieden grinse: Dort, sei es am Rande des Gewerbegebietes oder auf brachliegenden Baulücken, reckt sich so mancher Schößling gen  Himmel, der seinen Ursprung nicht der Vergesslichkeit eines Eichhörnchens verdankt.

(Ismael Kluever)

Was wohl mal aus diesem Zwetschgenbaum wird?

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From → Natur und Umwelt

2 Kommentare
  1. Antje permalink

    Ich habe diesen Beitrag mit diesen Subversiven Jackentaschen schon immer gemocht 🙂

    Danke dir!

    glg Antje

  2. Poly Ester permalink

    Gurillia-Growing, fand ich schon immer toll!

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