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„Gnade“ – Kinofilm über Schuld und Verwandlung

24. Oktober 2012

Ingenieur Nils (Jürgen Vogel) gehört zu jenen Typen, die sich für ein Lächeln zu schade sind. Ständig sucht er die Extreme. Da kommt ihm ein Jobangebot im nordnorwegischen Hammerfest, fast 500 km nördlich des Polarkreises, gerade recht. Neben der Arbeit in der Erdgasverflüssigungsanlage will er sich – ganz Naturbursche – als Nebenerwerbs-Kleinbauer beweisen. „Ich kann, was ich brauch,“ ist seine Überzeugung, er schafft es aber nicht, beim Eisangeln einen Fisch waidgerecht mit einem Schlag zu töten.

Ehefrau Maria (Birgit Minichmayr) und Sohn Markus (Henry Stange) ziehen ihm aus Norddeutschland nach. Maria ist der warmherzige Gegenpol zum Macho Nils. Während der sie mit seiner Arbeitskollegin Linda (Ane Dahl Torp) betrügt, pflegt sie Sterbende im Hospiz, stützt Angehörige, übernimmt zusätzliche Nachtschichten.

Der introvertierte Markus bleibt beiden fremd. Der hochsensible Junge, gerade am Anfang der Pubertät, zieht sich ganz in die Position des Beobachters zurück. Als könne er sich damit vor der Realität der kaputten Familie schützen, nimmt er die Umwelt durch den Bildschirm seines Smartphones wahr. Bei der Wahl seiner Freunde vergreift er sich gründlich.

In der schleichende Zerrüttung trifft die Familie ein weiterer Schlag: Maria überfährt eine Jugendliche und begeht Fahrerflucht. In der auf einer Insel gelegenen Kleinstadt können Nils und Maria der Begegnung mit den Eltern der Getöteten nicht ausweichen. Und sich selbst auch nicht.

Die Frage nach dem Umgang mit Schuld, letztlich nach Gut und Böse schlechthin,  wird in diesem Film auf eine tiefe, differenzierte und gleichzeitig zurückhaltende Art aufgegriffen. Die Antworten, die gefunden werden, sind ungewöhnlich, radikal. Gleichzeitig bleibt vieles offen, und gerade das macht den Film wertvoll.

Die Umsetzung des Buches von Kim Fups Aakeson ist Regisseur Matthias Glasner überzeugend gelungen.  Die herbe Schönheit der kargen subarktischen Landschaft wurde wunderbar eingefangen, ebenso die bedrückende Dunkelheit der monatelangen Polarnacht. Die Ortschaft am Norkap – eine Mischung aus Boomtown und Dorf – wird in seiner Abgelegenheit geradezu zum Laboratorium zwischenmenschlicher Beziehungen.

Birgit Minichmayr spielt die Brüche zwischen freundlichem Engel und Verzweiflung ausgezeichnet. Die Rolle des Nils wirkt im ersten Teil des Films einseitig schroff, gewinnt im Laufe der Handlung aber an Nuancen. Die Wahl von Henry Stange als Darsteller des scheuen Computernerds Markus war ein Glücksgriff. Ebenfalls gut besetzt: Ane Dahl Torp als nassforsche Liebhaberin Linda.

Wünschenswert wäre gewesen, die Sexszenen mit der gleichen Subtilität zu drehen wie den übrigen Film, in dem Plattheiten sonst ganz vermieden werden. Interieurs wirken z. T. wie aus dem Designerstudio. Und ein Pistolenschuss kracht in Wirklichkeit nicht wie ein Granatwerfer. Ausgesprochen authentisch wirken dagegen die Dialoge in Originalsprachen (Deutsch, Norwegisch, Englisch). Die Untertitel sind, je nach Hintergund, nicht immer gut zu lesen.

Trotz des nur noch in christlicher Tradition verwendeten Begriffs „Gnade“ als Titel bleibt die Geschichte frei von vorgeprägten Moralvorstellungen. Die Protagonisten des Films müssen – wie auch das Publikum! – ihre Position selbst finden. Dabei behandelt der Film zweifellos ein auch religiöses Thema: „Umdenken“ oder „Wesensverwandlung“ wären die richtigen Übersetzungen für das griechische Metanoia, was üblicherweise mit „Buße“ bezeichnet wird. Dazu fordert die Erzählung in provozierender Weise auf. Gerade auch diejenigen, die genau zu wissen meinen, was richtig und falsch ist.

Ein insgesamt sehr empfehlenswerter Film!

(Ismael Kluever)

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Link zum offiziellen Website des Films

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From → Film, Kultur, Rezensionen

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