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Das Knistern von Kandis im Tee.

2. September 2013

Brief eines 78er Alt-Ökis an eine Jugendliche von heute.

Liebe Joana!

Bevor ich auf unser Gespräch von vorhin zurückkomme, möchte ich ein Erlebnis aus der Mitte der 80er Jahre erzählen. Damals war gerade die AIDS-Problematik in den Medien aufgekommen. Die Berührungsängste waren groß. Es gab viel Aufklärungsbedarf. Ich hatte eher Zufällig die Gelegenheit, dazu an einem Seminar der Caritas teilzunehmen. Dort hatte einer der Workshops das Thema: „Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nur noch sechs Monate zu leben hättest?“

Wir haben viel diskutiert, uns ausgetauscht und sogar „Dialoge am Sterbebett“  improvisiert. Da kam so einiges zusammen! Viele Gedanken, die dann, auf gelbe Kärtchen geschrieben, an der Plakatwand hingen. Die Semiarleiterin ließ irgendwann ihren Blick über die vielen Stichworte gleiten und las ein paar der Dinge vor, die wir vor unserem letzten Schnaufer unbedingt noch getan haben wollten.

Sie schaute schweigend in die Runde.

Dann schrie sie sie uns  an: „DANN MACHT DAS DOCH!“

Wir zuckten zusammen.

Ja, aber wieso eigentlich? Sie hatte doch recht!

Okay, wenn man damit rechnen darf, dass der Sensemann doch nicht in einem halben Jahr, sondern in einem halben Jahrhundert an die Tür klopft, wird man nicht unbedacht sein Konto plündern und alles Ersparte für eine Weltreise ausgeben. Das ist schon richtig. Aber Keller und Dachboden aufräumen, um sich von allem überflüssigen Ballast zu trennen? Einem  fast vergessenen Menschen endlich mal wieder einen Brief schreiben? Jemandem, wo es lange überfällig war, Danke sagen? Einem Menschen, den man verletzt hat, um Vergebung bitten? Selber Vergebung aussprechen, Frieden schließen? Frieden schließen, – vielleicht auch mit sich selbst?

Und:

Jeden Moment des Lebens intensiv leben, keinen Augenblick verplempern?

Warum nicht jetzt, heute? Warum damit warten, bis Gevatter Tod die Sense wetzt und es zu spät ist?

Liebe Joana, vorhin hatte ich dir ein wenig von dem Lebensgefühl aus der Zeit der Öko-Bewegung in den späten 70er und frühen 80er Jahren erzählt. Einer Zeit, als ich so alt war wie du jetzt. Du hattest in meinem Blog gestöbert und gelesen, was wir damals so gemacht haben. Und dann meintest du:

„Ich möchte mal eine Woche in der Zeit von damals leben und herausfinden, was ich besser finden würde.“

Da kann ich nur sagen: Dann mach das doch!

Irgendwann hattest du dieses Buch erwähnt: „101 Dinge, die du getan haben solltest, bevor du alt und langweilig bist.“ Finde ich klasse! Nicht das Buch, denn das kenne ich ja nicht. Aber einfach mal Sachen machen, die irgendwie verrückt sind, die man sich noch nie getraut hat. Aber was sind 101 Dinge, die einem ein Buchautor vorschlägt, gegen die 1001 Ideen, die einem selber einfallen?

„Ich möchte mal eine Woche in der Zeit von damals leben und herausfinden, was ich besser finden würde.“

Deine ureigene Idee, Joana! Absolut genial! Mach das doch! Was soll dich abhalten?

Natürlich kannst du dich nicht wie in den alten Time-Tunnel-Filmen in die Zeit des Kalten Krieges, des Eisernen Vorhanges, der „Generation-Golf“ und der großen Anti-AKW-Demonstrationen zurückkatapultieren lassen. Was ich dir vorschlagen werde, geht anders.

Es geht auch nicht darum, wie bei einem Mittelalter-Spektakel in irgendwelche Kostüme zu schlüpfen und die Rolle eines Menschen aus einem anderen Zeitalter zu spielen, so spannend das auch sein mag. In manchen Fernsehproduktionen gibt es ja so Selbsterfahrungs-Trips, wo Leute eine Weile auf einem Einöd-Bauernhof leben wie im 19. Jahrhundert oder auf einem Auswanderungsschiff, also so was meine ich jetzt nicht.

Was ich meine, ist das, was damals unter dem Schlagwort „alternatives Leben“ lief. Das muss ja nicht gleich so extrem sein wie bei den Aussteigern, die ihre bürgerliche Existenz an den Nagel hängten und aufs Land zogen, um sich dort als Öko-Bauern oder Künstler zu versuchen. Ich meine einfach, den eigenen Lebensstil kritisch unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen, was da wirklich notwendig ist, auf was man verzichten kann, wo ein Weniger an Technik und Konsum ein Mehr an Lebensfülle bringen kann.

Das ist machbar. Für dich machbar. Ohne Geld. Oder: Wenn es doch was anzuschaffen gibt, dann sparst du das woanders dicke wieder ein, jedenfalls langfristig.

Es ist für dich machbar, ohne dass du deine Seele verkaufst oder deinen Charakter verbiegst. Es ist ohnehin nur ein Experiment. Aber ein Experiment, bei dem du viel über dich und die Welt lernst und etwas für dein Lebengewinnst, – vielleicht sogar auf Dauer.

Du wirst mehr als eine Woche gebrauchen, denn die reicht wohl gerade, um diesen Brief sorgfältig zu lesen und eine To-do-Liste zu machen. Mindestens drei, vielleicht auch sieben Wochen solltest du einplanen. Aber keine Bange, du musst nicht alles, was ich dir gleich vorschlagen werde, auf einmal umsetzen. Und du brauchst dich nicht unter Druck zu setzen. Das Experiment ist für dich da und nicht du für das Experiment.

Und, –  ein paar Freunde, die mitmachen, können nicht schaden! 😉

Ich werde also ein paar Dinge, die uns in der Öko-Bewegung der späten 70er und der 80er Jahre wichtig waren – oder die uns völlig unwichtig waren – aufführen und dich einladen, das aus heutiger Sicht zu betrachen und evtl. deinen Alltag entsprechend zu verändern. Wesentliches und Nebensächliches bunt gemischt, wie es mir gerade einfällt, es soll ja keine wissenschaftliche Abhandlung werden. Bei manchen Sachen wirst du sagen, das sei doch selbstverständlich, da ist nichts Besonderes dran. Nun, einige Ideen von damals sind tatsächlich selbstverständlich geworden. Andere nicht. Aber schaun wir einfach mal…

Klamotten und Outfit

Die typische Kluft von uns 78er Ökis waren Norwegerpullover, Jeans, Turnschuhe (oder Gummistifel,  je nach Gelände), Palästinensertuch und, obwohl wir alle Pazifisten waren, Militärparka. Also, wie gesagt, es geht nicht darum, dass du dich jetzt als Retro-Alternativer kostümierst und dir dazu ’nen Rentierpullover strickst.  😀 Aber mit ein paar Freunden zusammen Windeln mit Batikfarben in bunte Halstücher verwandeln, – warum eigentlich nicht? Wir hatten viel Spaß dabei.

Worauf es uns ankam, war, das unsere Klamotten robust und praktisch waren. Marken waren egal. Uns jedenfalls. Die Popper (es soll ja in Blankenese wieder welche geben!) dachten da anders. Wir betrachteten diese Typen mit ihrem Schicki-Micki-Outfit wie Tiere im Zoo, die hatten für uns nur Unterhaltungswert. Wir selbst konnten und wollten für Kleidung nicht viel ausgeben. Deshalb wurden die Sachen x-mal geflickt und dann bis zum völligen Zerfall getragen.

Die Sache mit denTurnschuhen ist schnell von der Modeindustrie aufgegriffen worden. Egal. Uns ging es aber darum, schnell und leichtfüßig unterwegs zu sein. Und dazu taugten Plateauschuhe, die damals hype waren, nicht. Ebensowenig die Hochhackigen, auf denen die Mädels heute wieder rumstöckeln wie Pinguine auf Stelzen.

Parkas liebten wir deswegen, weil sie Kaputzen und riesige Taschen hatten. Wir wollten alles nötige dabei haben. Ein Mensch ohne Taschenmesser galt als Krüppel. Für uns Naturbeobachter kamen noch Feldbuch, Kuli, Karte und Kompaß dazu, und der „Peterson“ (ein Vogelbestimmungsbuch). Und dann noch eine Tüte mit Feigen oder anderem Trockenobst. 😉

Übrigens waren wir es, die den Rucksack stadttauglich und salonfähig gemacht haben. Oberstes Gebot: Alles dabei, Hände frei und unabhängig! Für größere Einkäufe hatten wir Jutetaschen, denn Pastiktüten waren verpönt. Jute hat sich nicht bewährt, das franst zu schnell aus. Deswegen bin ich auf Baumwolltragetaschen umgestiegen. Für den Notfall habe ich immer eine im Rücksack.

Und nun kommst du! Auf was legst du beim Kleiderkauf Wert? Hast du schon mal probiert, Schlüsselbund, Portemonaie, Handy und Taschenmesser gleichzeitig in der Jeans unterzubringen? Ich kenne ein Mädel, das schreit regelmäßig den Abteilungsleiter der Damenkonfektion zusammen, weil die Taschen an den Sachen zu klein, zugenäht, oder gar nicht vorhanden sind. (Vielleicht ist das auch etwas, was zu den 1001 Dingen gehört, die „frau“ mal gemacht haben muss.) Sie erzählt, die Verkäuferinnen würden sich immer schon verdrücken, wenn sie da aufkreuzt :D.

Die letzte Rettung ist dann immer der Outdoor-Store, wo es Cargo-Hosen gibt. So was sollte es auch bei euch in der Gegend geben. Auf jeden Fall gibt es einen in Bad Schandau (wenn er nicht beim letzten Hochwasser abgesoffen ist). Nur teuer ist das in diesen Läden.

Kosmetik

Versuche es mal komplett ohne. Überleg mal, was alles gespart werden könnte. Entwicklung (Tierversuche!), Produktion (die Chemie mit allem drum und dran), Transport, dein(!) Geld…

…und bei der nächsten Dusche landet es dann doch im Abwasser.

Was wäre wirklich verloren, wenn du dir nicht die Fingernägel lackierst? Probiere es einfach mal eine Weile aus!

Und… ähm,… *hust*… ich wollte mir das  ja eigentlich verkneifen, weil es sich für einen ältlichen Knaben wie mich nicht schickt, so was zu sagen. Aber du siehst einfach zauberhaft aus! Da kann sowieso keine Retusche irgendwas verbessern! Selbst, wenn das nicht so wäre, – was einen Menschen schön macht, ist sein Charme und nicht Chemie. Und dein strahlendes Wesen haut einen einfach um!

Politik und Ideale

Ein Acessoire hatte ich beim Thema Kleidung vergessen. Nämlich die Buttons, mit denen wir unsere politischen Ansichten kund taten. Also „Atomkraft – Nein, Danke!“ und so was. Wir waren politisch. Und wir zeigten das auch.

Letztens hatte ich in der Kirchengemeinde Gelegenheit, mit Jugendlichen (so im Alter von 16 bis 18) über ihr Leben und ihre Zukunftserwartungen zu reden. Sie hatten Collagen dazu gebastelt. Ich war erschrocken. Nicht, weil da irgendwas Dramatisches vorkam, sondern weil einfach „nichts“ vor kam. Kindergarten, Schule, dann wollten sie einen guten Abschluss (löblich!) und einen guten Beruf, dann eine Familie gründen, ein eigenes Haus und Auto… Okay, da kann ja niemand was dagegen haben. Keine „Null-Bock-Einstellung“, sondern Ehrgeiz,  Ziele, Leistungsbereitschaft.

Aber eben auch nicht mehr! Ein Dasein als effektive Produktivkraft und als zahlungskräftiger Konsument, als ein gut geöltes Rad im Wirtschaftsgetriebe, mit dem Ziel der ungestörten familiären Idylle, das war ihr Ideal. Keine Vorstellung davon, das irgendetwas in der Welt nicht in Ordnung sein könnte und dass man da was ändern müsste.

Ich fragte sie nach persönlichen Vorbildern. „Meine Eltern,“ sagte eines der Mädchen. Wow, dachte ich, also doch nicht nur Popsänger, Fernsehstars oder Sportler!

„Was findest du denn an deinen Eltern so vorbildlich?“

„Sie sind erfolgreich,“ war die Antwort. Gutes Einkommen, Haus, Auto, Segelboot.

Auch ich hätte meine Eltern als meine Vorbilder nennen können. Die waren aber nie erfolgreich im Beruf und haben es nie zu Wohlstand gebracht. Aber sie strahlten Herzlichkeit, Güte und Wohlwollen aus. Das wäre mir wichtig gewesen. Oder meinen Onkel, der so ein Alleskönner war, der mir beibrachte, wie man ein Fahrrad flickt, Holz spaltet, eine Säge mit der Feile schärft.

Aber wahrscheinlich hätten wir damals Martin Luther King genannt, Es war ja gerade der 50. Jahrestag seiner berühmten Rede beim „Marsch auf Washington“. Und Nelson Mandela, Mahatma Gandhi oder den Dalai Lama. Umweltaktivisten standen noch nicht auf der Liste, da waren wir ja selbst die Pioniere. Obwohl mich selbst auch Biologen wie Jane Godall oder der scharfzüngige Journalist Horst Stern geprägt haben. Jedenfalls bewunderten wir die Leute, die in der Welt irgendwas bewegen wollten.

Natürlich tue ich vielen mit meinem Urteil Unrecht. Allein aus meiner Kirchengemeinde sind immer wieder junge Leute in Brasilien, Indien oder sonstwo, um in Kinderheimen und Schulen unter sehr harten Bedingungen einen Freiwilligendienst zu machen. Aber doch gibt es eine für mich erschreckend große Zahl, für die Engagement irgendwie sehr weit weg ist. Das ist so mein Eindruck, auch auf Grund dessen, was mein Sprössling aus der Schule erzählt.

Ich will dich jetzt nicht für eine Partei, einen Verein oder eine Organisation werben. Aber ich möchte dir vorschlagen, dich zu fragen, ob es für dich irgendetwas gibt, wofür sich einzusetzen lohnt.

Für uns waren es damals die Themen Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung. In dieser Formulierung ist das 1983 bei der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Vancouver und 1985 durch Carl Friedrich von Weizäcker auf dem evangelischen Kirchentag in Düsseldorf zum Thema gemacht worden. Aber es hat uns natürlich schon vorher bewegt, die Kirchen haben sich z. B. der Umwelt erst recht spät angenommen.

Gerechtigkeit, dabei ging es uns einemal um elementare Menschenrechte (damals gab es noch ein paar mehr Diktaturen und Folterstaaten als heute) und um das Ungleichgewicht zwischen armen Ländern und reichen Industrienationen, was ja heute genau so aktuell ist wie damals.

Ich erinnere mich, wie ich damals für Amnesty International Briefe schrieb. An irgendwelche Tyrannen in Afrika. Mit einer uralten mechanischen Olympia-Reiseschreibmaschine, auf Luftpostpapier. Heute geht das mit Online-Petitionen einfacher. Aber vielleicht nicht unbedingt besser. Eine Online-Petition ist mit ein paar Klicks abgeschickt, aber vom Empfänger noch schneller als Spam abgetan. Es gibt heute zu viel davon, es nutzt sich ab. Ich glaube, dass gerade bei der heutigen Inflation von E-mails ein handgemachter Brief auf Luftpostpapier so richtig auffallen könnte. Probier es doch mal aus! Amnesty liefert dir genügend Anregungen, auch ohne das du da festes Mitglied wirst.

Die Gefangenen, für die ich mir in freundlichem Ton, aber schaurigen Englisch gehaltene Bittschriften abrang, sind übrigens freigekommen. Ob das an den urgent actions von Amnesty lag oder was die Potentaten dort noch bewogen hat, weiß ich nicht.  Jendenfalls schickte ich den Justitzministern dann noch  ganz lieb und brav eine nette Ansichtskarte als Dankeschön.

Vielleicht war aber die Wirkung der Briefschreiberei in mir selbst viel wichtiger als ein von Petitionen überquellender Papierkorb in Kinshasa. Ich musste mich ja ein wenig mit den Schicksalen der Dissidenten und mit den Zuständen in den Ländern dort befassen. Als dann irgendwann eine junge Frau aus Erythräa (damals noch eine Provinz Äthiopiens) in das Nachbarzimmer einzog, kamen mir die Geschichten von  Verfolgung und heimlicher Flucht durch die Wüste ganz nahe. Und dass diese Menschen bei uns Zuflucht suchten, war für mich dann irgendwie selbstverständlich.

Frieden, da ging es damals um das Wettrüsten zwischen Ostblockstaaten und NATO, um die Stationierung von Pershing-II-Atomraketen in Deutschland und um von den Supermächten munitionierte Stellvertreterkriege in der Dritten Welt. Wir rechneten damals real mit einem Krieg, bei dem Deutschland als Hauptschlachtfeld total vernichtet werden würde, vielleicht sogar in einem nuklearen Overkill die ganze Welt. Wir wussten, dass das auch versehentlich, durch einen technischen Fehler oder menschliches Versagen geschehen konnte. Und tatsächlich, wir waren verdammt nahe dran! Vielleicht ist dieser Song von der Machart etwas kitschig, aber er gibt durchaus die Stimmung in der damaligen Zeit wieder. Ein befreundeter Pastor wollte so um 1980 von seinen Konfirmanden wissen, wie sie sich ihr Leben in fünf oder zehn Jahren vorstellen würden. „Ach, Herr Pastor“, meinte eines der Mädchen, „…in fünf Jahren? Oder in zehn?…  Da ist doch gar nichts mehr!“

Seit dem hat sich die Situation ein wenig geändert. Der Ostblock ist zerfallen, viele (aber längst nicht alle!) Atomraketen wurden vernichtet, es gab endlich wirkliche Abrüstung. Trotzdem belauern sich die Großmächte immer noch mit größtem Argwohn. Neue Atommächte kommen hinzu. Der Dritte Weltkrieg ist etwas weniger wahrscheinlich geworden, aber ausgeschlossen ist er längst nicht.

Dafür ist mit dem 11. 9. 2001 etwas in der Weltgeschichte Neues hinzugekommen: internationaler Terrorismus in der Dimension von Krieg. Etwas Irrationales, bei dem es nicht, wie im Kalten Krieg, ein logisches Kalkül und ein Risikobewusstsein auf beiden Seiten gab. „Den Feind“ kann man seit dem nicht mehr an roten oder weißen Sternen auf den Panzern erkennen. An schwarzen Bärten übrigens auch nicht.

Heute kann jeden von uns ein Terroranschlag teffen. Hier, auf dem Bahnhof, bei einem Fest, einfach so. PENG, und du bist tot. Du oder ich.

„Stell dir vor, es ist Krieg, und niemand geht hin,“ war so ein Spruch von uns. Und nun ist Krieg in Form von Kofferbombern mitten unter uns, und niemand fragt, wo wir hingehen oder nicht.

Der Weltuntergang ist nicht mehr ganz so nahe, dafür sind wir Deutschen nach den Terroranschlägen in reale, „heiße“ Kriege in vielen Ecken der Welt verwickelt, weil man dort die Denkfabriken dieses Terrorismus vermutet.  Ich hoffen nur, dass daraus nie die Legitimation abgeleitet wird, routinemäßig irgendwo Krieg zu führen, als wäre das normal. Aber diese Gefahr besteht.

Vor 30 Jahren hatte die Friedensbewegung eindeutige Adressaten: die Machthaber der Militärblöcke, Generäle, Aparatschiks. Zunächst die im Westen, denn an die kamen wir heran, und wir gingen davon aus, dass Abrüstung der NATO-Staaten Friedfertigkeit signalisieren würde und dann auch Abrüstung im Warschauer Pakt zur Folge hätte. Viele hielten das für naiv. Aber eines war klar: Auf beiden Seiten hatte niemand Lust zu sterben. Ein Song von Sting hat das recht  gut ausgedrückt. Es war zumindest eine gemeinsame Basis des Denkens. Egon Bahr prägte deshalb den Begriff von der „gemeinsamen Sicherheit“, auch wenn die Realität letztlich doch eine gemeinsame, mühsam ausbalancierte Unsicherheit blieb.

Das Problem heute sind die sogenannten „failed states“, die gescheiterten Staaten, in dennen die offizielle Regierung nicht für Recht und Ordnung sorgen kann. Die gab es damals auch schon. Bürgerkriege, Stammesfehden und korrupte Machthaber sind schließlich keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Im Gegenteil: Während des Kalten Krieges wurden Bürgerkriegsparteien und Tyrannen der Dritten Welt ohne Ansehen ihrer wirklichen Interessen von den Supermächten aufgerüstet, wenn man sich damit den Zugang zu Häfen, Militärbasen oder Rohstoffen erhoffte. Innerstaatliche Konflikte und Grenzstreitigkeiten wurden schnell zu Stellvertreterkriegen, in denen viel Blut vergossen wurde, ohne dass sich die „Sponsoren“ in NATO und Warschauer Pakt  auch nur ein blaues Auge holten.

Heute bekommen wir die Quittung. Die Wirtschaft dieser Länder ist zerrüttet. Eine Regierung, die sich wirklich um die Belange der Menschen kümmert, haben die Leute dort nie erlebt. Und die Schuld geben sie „dem Westen“, nicht ganz zu unrecht. Und gegen den Westen, gegen die reichen Industrienationen richtet sich folglich der Hass religöser Fanatiker. In ihrer Glaubenslehre finden sie ein klares Wertesystem. Ein einfaches Wertesystem, das in der komplizierten Welt der globalen Wirtschaft nicht gibt. Im Meinungspluralismus demokratischer Gesellschaften um Wahrheit und Werte zu ringen, erfordert nämlich eine ganz andere Form von Tapferkeit als bei einem Selbstmordanschlag sein Leben wegzuwerfen. Da ist es viel einfacher, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen und dann für das angeblich Gute zu sterben.

Wie damit umgehen? Wie Menschen ansprechen, die in innerster Seele total verbittert sind? Sie leben ja nicht nur in den Bergen Pakistans oder im Jemen. Sie leben auch unter uns. Muhammad Atta, einer der Terrorpiloten des 11. September, lebte ein paar Schritt von meinem Elternhaus in Hamburg. Das heißt, wir, du und ich, begegnen ihnen, ohne es zu ahnen. Sie sehen uns. Sie beobachten uns.

Wie könnte jetzt eine Friedensbewegung aussehen, in dieser ganz neuen Situation?

Dazu möchte ich auf ein Schlagwort von damals, aus den 70er und 80er Jahren zurückkommen. Nämlich „Gewaltlosigkeit“. Gewaltloser Protest prägte seit ca. 1980 die Kundgebungen im Umweltschutz und auch in der Friedensbewegung. Dabei inspirierte uns besonders Mahatma Ghandi, der Bürgerrechtler und Kämpfer für die Unabhängikeit Indiens von der britischen Kolonialherrschaft. Das muss ich jetzt ein wenig erklären.

Ghandi gehörte zur Religionsgemeinschaft der Jaina. Die Jaina-Religion ist grob mit dem Hinduismus vergleichbar, mit der Besonderheit, dass das Töten und auch das Verletzen von Mensch und Tier strikt abgelehnt wird. Während seiner Studienzeit in England las Gandhi das Neue Testament. Dabei berührte ihn besonders die Bergpredigt Jesu. Beides, die Gewaltlosigkeit seiner Heimatreligion sowie das biblische Gebot der Feindesliebe (auch wenn die im so kriegerischen „christlichen“ Abendland nichts galt) versuchte er in seiner politischen Arbeit umzusetzen.

Der von Gandhi benutze Begriff war „Ahimsa“. Das wird mit „Gewaltlosigkeit“ nur unzutreffend widergegeben. Es bedeutet mehr. Nämlich auch die Freiheit von Hass. Letztlich meint Ahimsa auch die Art von Liebe, die Jesus gepredigt hat. Und damit einen Frieden, der im eigenen Herzen beginnt. Das hat nichts mit Passivität und „ja keinen Streit anfangen“ zu tun. Die Anhänger Gandhis waren durchaus Aktiv und scheuten die Konfrontation nicht.

Ahimsa einzuüben, ist nun kein Selbsterfahrungstrip für eine Woche und auch nicht für sieben Wochen. Es ist ein Lebensprojekt. Aber man kann ja einfach mal damit anfangen. Es kostet ja nichts. Also erst mal zu überlegen, welche Feinde und welche Feindbilder ich selbst habe. Und warum. Welche Erfahrungen habe ich selbst mit „Feinden“ gemacht? Welche Erfahrungen stammen aus zweiter oder dritter Hand? Welche dieser Erfahrungen sind konkret belegbar? Was ist nur „Stimmung“? Besteht diese Feindseligkeit nur auf meiner Seite oder auch auf der anderen?

Wenn der Andere auch mir gegenüber feindlich gesonnen ist,  wie ist er dazu gekommen? Welche Erfahrung hat er gemacht: mit mir, meiner Gruppe, meiner Kultur, oder auch sonstwie in seinem Leben? Wenn er seine Feindseligkeit äußert, durch Polemik oder Provokationen, muss ich überhaupt darauf eingehen? Wenn ja, wie? Kann ich ihn mit meiner Reaktion darauf überraschen? Die Forderung Jesu, auf Hass nicht mit Hass und auf Gewalt nicht mit Gewalt zu antworten (Lk. 6, 27ff) bedeutet ja nicht, sich willenlos und passiv alles bieten zu lassen oder jeden Mist okay zu finden. Sondern es geht darum, den Anderen zu verblüffen, in dem man zeigt, dass es auch anders geht. Manchmal reicht es zu zeigen, dass die Anfeindungen des Anderen bei einem selbst ins Leere laufen. Wenn einer pöbelt, nicht gegenzuhalten, sondern zu denken: „Das ist interessant!“ 😉

Wenn man es mit einer feindlichen Gruppe zu tun hat, bringen Argumente meistens nichts, Eine Rotte von Neonazis über die Verbrechen im Dritten Reich aufklären zu wollen, ist aussichtslos. Überhaupt sind Argumente wenig überzeugend, leider! Überzeugend sind wir selbst, als Menschen, mit unserem Charakter und mit einer überzeugenden Lebenseinstellung. Und als Menschen mit unserer Lebensweise werden wir gesehen. Meistens merken wir es gar nicht. Aber die Leute gucken. Die Nachbarn, Mitschüler, Kollegen im Betrieb, im Verein. In Webcommunitis und Chatrooms, mit denen ihr jungen Leute ja heute groß werdet.

Die Menschen sehen uns. Auch die Nazis, auch die religiösen Extremisten. Vorausgesetzt wir verstecken uns nicht in unserem Privatleben oder in abgeschlossenen Klüngeln. Und es spricht sich rum, wenn wir anders sind. Wenn wir nicht mit den Wölfen heulen. Wenn wir uns weigern, zu hassen. Vor allem aber, wenn wir unseren vermeintlichen Gegnern etwas anzubieten haben, wenn sie sich von uns etwas abgucken können.

Was könnte sich z. B. ein orientierungsloser Altersgenosse aus der Nachbarschaft, um auf das Thema Frieden im 21. Jhdt. zurückzukommen, von uns, also von dir und mir, abgucken, bevor er von extremistischen Rattenfängern angeworben wird? Gelassenheit? Die Fähigkeit, Konflikte friedlich auszutragen und andere Meinungen auszuhalten? Die Freude an der Freiheit, – auch an der Freiheit von Hass? Die Fähigkeit, Menschen als Menschen zu sehen und nicht als Angehöriger irgendwelcher Gruppierungen? Die Charakterstärke, in einer moralisch wirren Gesellschaft nach ethischen Grundsätzen zu leben, ohne dabei in eine sektiererische Subkultur zu flüchten? Soziales Engagement? Es gibt so vieles, was man aufzählen könnte!

Es ist nicht leicht, nicht nur äußerlich gewaltfrei zu bleiben, sondern auch innerlich friedfertig zu sein, wenn man angegriffen wird. Sich bei einer gewaltfreien Blockadeaktion von Einsatzkräften wegtragen zu lassen, ist eine Sache. Sich danach freundlich bei den den Polizisten zu bedanken und mit Handschlag zu verabschieden, eine andere. Das haben auch die wenigsten damals in der Umwelt- und Friedensbewegung so hinbekommen. Die großen Demonstrationen in den 70ern waren sogar sehr von Gewalt und dem „Feindbild Staat“ geprägt. Wir mussten das auch erst lernen.

Aber ein starker Herzensfrieden ist gemeint, wenn von Ahimsa (Gewaltlosigkeit) oder von Satyagraha (gewaltlose Widerstandsaktion) die Rede ist. Und da darf gerne wieder öfters die Rede davon sein, finde ich.

Im Kleinen, bei dir und bei mir, fängt der Frieden an. Und wie sieht es in der großen Politik aus? Krieg zu führen war in Deutschland lange Zeit ein Tabuthema. „Nie wieder Krieg!“ war der Slogan der Friedensbewegung nach dem zweiten Weltkrieg. Inzwischen ist Krieg wieder salonfähig geworden. Mit Euphemismen wie „Friedenschaffenden Maßnahmen“ fing es während des jugoslavischen Bürgerkrieges an. Man sprach von der „gestiegenen weltpolitischen Verantwortung Deutschlands“. Gemeint war: „Macht“! Der Gedanke, dass Deutschland ein vom Wesen und von seiner Verfassung  her „nicht Krieg führendes Land“ sein sollte, begann wegzubröckeln.

Wie damit umgehen? Wird Krieg wieder, wie Carl von Clausewitz es einstmals proklamierte, zur „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“? Ich hoffe nicht! Ist Krieg an sich (und damit auch Rüstung) in jedem Falle ein Verbrechen, wie damals viele von uns dachten? Gibt es Ausnahmen? Oder gar die Pflicht zum Ein- bzw. Angreifen, wenn sich irgendwo so grausige Massakker ereignen wie damals auf dem Balkan oder heute in Syrien? Sicher ist, dass in jedem Krieg von jeder Seite Verbrechen begangen werden, selbst wenn das Eingreifen von der UN-Charta gedeckt ist. Und dass auch unter einem UN-Mandat die beteiligten Regierungen ihren Eigennutz suchen, ist höchst wahrscheinlich.

Ich träume davon, dass die Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, von unseren Herzen und Gedanken Besitz ergreift und sich auf die Gesellschaft die Politik ausbreitet. Viele werden das naiv finden. Sicher ist es utopisch. Aber wir brauchen Utopien! Sonst ändert sich nichts!

Bewahrung der Schöpfung, also Umweltschutz. Da hat sich in den letzten drei Jahrzehnten viel getan. Und doch zu wenig. Der entscheidende Schritt wurde nicht gemacht.  Womit ich bei einer weiteren Utopie bin. Dazu benutze ich mal die Worte des Schriftstellers Alfred Andersch, die er niederschrieb, als er die von mit Walroßknochen übersähte Inseln im Norden Spitzbergens besucht hatte. Dort waren im 17. Jahrhundert Walrösser und Nordkaper-Wale fast komplett abgeschlachtet worden. Die Bestände der Nordkaper konnten sich in den drei Jahrunderten, die seit dem vergangen sind, nicht mehr erholen. Sie sind so gut wie ausgerottet. Hier das Zitat:

„Was mit Harpunen und den Zunderflinten begann, endet heute in Seen, in denen niemand mehr badet, in vergifteter Luft und im Häuser-Schund und Fabriken-Unrat, der sich über Wiesen- und Wälderlandschaften und über Meeresküsten zieht wie ein Geschwür. Aber wir vermehren uns weiter wie die Kaninchen. Der große Fortschritts-Phallus stößt sein Sperma aus, und der große Gedanke der Askese ist noch nicht gedacht. Als unvorstellbar gilt, der Mensch könne sich aus freiem Entschluss zurückziehen. […] Freiheit wäre da, wo wir an einer Grenze sagten: es ist genug. Es reicht uns. Dies ist meine Utopie, und sie ist so gut wie jede andere.“ (Alfred Andersch, Hohe Breitengrade. Zürich 1969. Hervorhebung von mir.)

Als das Buch erschien, war ich ein kleiner Steppke. Sonntags gingen meine Eltern oft in der „Haake“, einem Waldstück am Stadtrand von Hamburg spazieren. Plötzlich waren da alle Bäume umgesägt, man hatte eine riesige Schneise geschlagen. Dann rückten Bagger und Planierraupen an und gruben tiefe Einschnitte in die Landschaft. Ich erlebte den Bau des südlichen Abschnittes der A 7. Man behandelte die Hügel wie Plastilin, nach belieben formbar. Irgendwann entdeckte ich einen abgestellten Bulldozer, schraubte den Tankdeckel auf (das ging damals noch) und schüttete Sand hinein. So empört war ich, und so verletzt von der Verwundung der Erde. Das hat mich geprägt, für mein Leben.

Aber bis zur Umweltbewegung mit ihren Bürgerinitiativen, den Großdemonstationen, bis Greenpeace in Deutschland bekannt wurde und „Die Grünen“ (damals noch „Grüne Liste Umweltschutz“) in der Politik auftraten, dauerte es noch ein Jahrzehnt. Das AKW Stade ging 1972 noch ohne viel Aufsehen ans Netz.  Chemieunternehmen wie Dow Chemical leiteten ihre Abwässer ziemlich ungehindert in die Flüsse, Dünnsäure und Klärwerkrückstände wurden in der Nordsee „verklappt“, hochgiftige Abfälle landeten auf normalen Mülldeponien.

Seit dem hat sich viel verändert. Luft und Wasser sind sauberer geworden, es gibt Filter in Fabrikschornsteinen. Autos fahren mit Katalysatoren. Es gibt den „grünen Punkt“, relativ viel Müll wird recycelt. Jedenfalls in Deutschland. Die Energiewende ist zumindest beschlossen, auch wenn die Umsetzung noch manche Hürde zu nehmen hat. Für ein Atommüllendlager wird nun hoffentlich nach alternativen Standorten zu Gorleben gesucht.

Schau dir mal die Anfänge der Windkraftanlagen an:

Und, noch mal Dänemark, 30 Jahre später:

Bei uns gab es 2001 das (durch eine Novelle ziemlich verwaschene) Erneuerbare Energien Gesetz, mit dem Solar- und Windenergie zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor wurden. Die großen Windparks auf See sind aber immer noch nicht richtig am Netz. Das hätte schneller gehen müssen. Das hätte damals beginnen müssen. Drei Jahrzehnte wurden verplempert, – eine ganze Generation! Das AKWs unsicher sind, haben wir damals schon gesagt. Aber nicht mal die Explosion des Reaktors in Tschernobyl 1986 brachte ein Umdenken. Das kam erst mit Fukushima 2011. Dass der Salzstock von Gorleben als Atommüllendlager ungeeignet ist, wussten alle spätestens seit dem offiziellen Gutachten von 1982. Und dass die Asse II nicht mal den technischen Standards eines Plumpsklos gerecht wird (ein Plumpsklo kann man nämlich leeren!), war damals auch schon klar. Ihr, deine Generation, ihr müsst die Suppe nun auslöffeln und zusehen, wie das Zeug da wieder raus kommt!

Noch etwas anderes wurde in diesen 30 Jahren verpennt. Und zwar das Entscheidende. Das, wo jeder, sowohl der normale Bürger und Wähler, wie auch der Wirtschaftsboss und der Politiker, zusammenzuckt. Es ist dieses:

Unser Überleben geht nicht ohne Verzicht!

Noch einmal ein Rückblick: 1972 veröffentlichte der Club of Rome die von Donella und Dennis Meadows und ihren Mitarbeitern erstellte Studie „Grenzen des Wachstums“. Darin wurden u. A. Bevölkerungswachstum und Rohstoffverbrauch in Computersimulationen hochgerechnet und in die Zukunft projeziert. Das Ergebnis war erschütternd. Früher oder später – je nach rechnerischen Prämissen – wird unser gesamtes Wirtschaftssystem zusammenbrechen!

Die Studie ist viel kritisiert worden, besonders, weil sie von zu geringen Zahlen für die verfügbaren Rohstoffressourcen ausging. Aber im Grundsatz war die Aussage richtig, in meinen Augen sogar prophetisch. Wir leben von der Substanz. Irgendwann ist die Erde ausgeplündert.

Und dann?

Wie sehr wir z. B. vom Erdöl abhängig sind, wurde ein Jahr darauf deutlich. Während des Oktoberkrieges 1973 zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn drosselten die Ölstaaten am Persischen Golf ihre Ölproduktion um 5 %, um den Westen für seine Untersützung Israels abzustrafen. Also musste bei uns überlegt werden, wie man mit weniger Öl klarkommt. Im November gab es dann Sonntagsfahrverbote für Autos. Da war es still auf den Straßen, die Sonntage verliefen beschaulich, es fuhren nur Busse und Taxen, ein paar Leute spannten zum Spaß Pferde vor ihr Cabrio. Ich fand das toll! Und ich dachte, so müsste es in Zukunft kommen: dass nur noch diejenigen Auto fahren dürfen, die es unbedingt müssen. Gehbehinderte, Leute, die wirklich weit ab auf dem Land leben oder wer wirklich beruflich etwas zu transportieren hat. Alles Andere müsste per Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln gehen. Immer, auf Dauer!

Später haben wir das ein Stück weit umgesetzt: Der Uni-Campus sah aus wie China, mit den vielen Fahrrädern!

Doch die allgemeine Entwicklung ging in die entgegengesetzte Richtung. Zwar sind die Motoren im Energieverbrauch wesentlich effinzienter geworden. Aber es gibt nicht etwa weniger, sondern mehr PKW seit damals. Und es gibt mehr Straßen. Den Ölschock von 1973 hatte man schnell vergessen, irgendwann tauchten dann schwere, spritschluckende Geländewagen im Straßenverkehr auf. Und das, obwohl es in Deutschland doch gar kein „Gelände“ dafür gibt. Wir leben ja nicht im australischen Outback, sondern im Land mit dem dichtesten Straßennetz. Klassenkameraden meiner Tochter steigen für 400 m Schulweg in ein eigenes Auto. Irrsinn! Keine Ahnung, was in den Köpfen der Leute vor geht.

In den 70er Jahren gab es noch viele Tante-Emma-Läden an den Straßenecken. Ein Einkauf war in einer Viertelstunde zu Fuß erledigt. Aber dann wurden Einkaufszentren in Gewerbegebieten auf die grüne Wiese gesetzt. Die sind nur auf Autofahrer ausgerichtet. Als Fußgänger hat man es schwer, dorthin zu kommen. Das komplette Gegenteil von dem, was man aus der Ölkrise hätte lernen müssen.

Nun aber wieder zu dir. Nimm dir mal eine Landkarte von deiner Gegend und einen Zirkel zur Hand. Greife mit dem Zirkel vom Kartenmaßstab 500 m ab und ziehe damit einen Kreis um das Haus, in dem du wohnst. Alles, was in dem Kreis liegt, ist für dich als junger, sportlicher Mensch zu Fuß erreichbar. Nun ziehe einen zweiten Kreis mit einem Radius von 7 km. Oder auch 10 km, du bist ja fit. Und alles, was du innerhalb dieser 10 km zu erledigen hast, machst du mit dem Rad. In einer halben Stunde bist du da. Das ist völlig unproblematisch. Alles andere mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Außnahmen mit dem Auto nur, wenn etwas Sperriges zu transportieren ist oder wenn spät abends kein Bus mehr fährt. Aber auch der normale Einkauf lässt sich locker mit Rad und Packtaschen machen. Ich selbst habe jedenfalls kein Auto und lebe sehr gut damit.

Mit dem Stromverbrauch ist es eine ähnliche Geschichte wie mit den Autos. Viele Elektrogeräte, von der Waschmaschine bis zur Lampenbirne, sind sparsamer geworden. Aber es gibt mehr Geräte. Wäschetrockener gab es beispielsweise in meiner Jugend so gut wie gar nicht. Man trocknete die Wäsche auf dem Dachboden oder draußen auf der Leine. Heute sind viele Dachgeschosse zu Wohnungen ausgebaut, den „Trockenboden“ gibts nicht mehr. Wenn man einen überdachten Balkon hat, kommt man vielleicht noch ohne elektrischen Wäschetrockner aus, aber wir mussten uns beim Umzug in einen Neubau einen zulegen. Auch wenn das Ding nur ein mal pro Woche gut eine Stunde läuft, macht das 10 % unseres Stromverbrauches aus.  Das ärgert mich! Trotzdem: Wir liegen mit dem Verbrauch in unserem Haushalt bei ca. 60 % des Durchschnitts. Das ist keine Kunst. Es geht ohne Verlust an Lebensqualität! Du fragst, wie ich das mache? Keine Ahnung, – ich frage mich, wieso in anderen Haushalten mehr verbraucht wird als bei uns. Wie auch immer, mit ein paar Haushaltsbanalitäten habe ich vor 20 Jahren den Klimaschutzpreis des Norddeutschen Rundfunks gewonnen.

Stell dir das mal vor: Eine ganze Nation würde den privaten Stromverbrauch von einer Stunde zur anderen um 1/3 runterfahren! Das geht! Fang bei dir zu Hause an, jetzt gleich!

Geh dazu mal in den Wohnungsflur und stell dich an die Eingangstür. Jetzt gehst du linksherum, also gegen den Uhrzeigersinn, an der Wand entlang und so auch durch jeden Raum, Tür für Tür, Raum für Raum durch die ganze Wohnung. Dabei kommst du so ziemlich an allen Lichtschaltern, Steckdosen und Geräten vorbei. Bei jedem Gerät guckt du, ob es an ist. Wenn ja, entscheidest du, ob es überhaupt an sein muss. Was ist z. B. mit dem PC? Ist er vielleicht an, obwohl niemand daran arbeitet? Und wenn jemand dran arbeitet, muss dann auch unbedingt der Drucker an sein? Prüfe das.

Achtung! Nicht jedes Gerät, das aus zu sein scheint, ist auch aus! Früher hatten die meisten Geräte Kippschalter. Da machte es „klack“ und der Stromkreis war unterbrochen. Auch da ging die Entwicklung in die falsche Richtung, die Ingenieure haben da offensichtlich was nicht begriffen. Mein Radio hat z. B. einen versteckten Stand-by-Modus, den ich lange nicht erkannt habe. Wenn ich auf „off“ schalte, sollte es eigentlich aus sein, total aus. Ist es aber nicht. Wenn ich trotz „off“ irgendeinen Schalter, meinetwegen eine Programmtaste betätige, ist der Sender da. Also war das Radio die ganze Zeit nur im Stand-by-Modus, obwohl mir keine einzige Leuchtdiode das angezeigt hatte. Manchmal merkt man das, wenn man hinten an das Gerät fasst: es ist warm. Verbraucht also ständig Strom. Richtig heimtückisch ist das!

Typische Kandidaten für heimlichen Stromverbrauch sind PCs und Modems. Verdächtig sind auch immer Lampen mit Dimmer und alles, wo ein Trafo drin ist, z. B. Niedervoltlampen. Auch Ladegeräte fürs Handy und ähnliches: immer raus damit aus der Steckdose, wenn sie nicht gebraucht werden! Wenn du dir unsicher bist, teste mit einem Strommessgerät, ob irgendwas heimlich Strom zieht (Strommessgeräte gibts billig im Baumarkt). Es ist vielleicht ein bischen Arbeit, nach jedem Geräteeinsatz den Stecker zu ziehen, aber mann kann es sich zur Routine machen. Oder man schaltet eine eine schaltbare Steckerdose oder Steckerleiste dazwischen.

Binsenweisheit: nicht überflüssig heizen. Also keine Räume, in denen sich gar keiner aufhält oder gar das Fenster offensteht. Bei meinen Nachbarn sind es immer 22° C in der Wohnung, alle Türen stehen offen und sie laufen auch im Winter im T-Shirt rum. Wie blödsinnig! Es bricht mir doch keinen Zacken aus der Krone, wenn ich den Pullover anziehe, wenn mir kalt ist. Im Schlafzimmer heize ich nie, in der Küche nur, wenn die Temperatur dort unter 16° C fällt.

Es gibt auch Energieverbrauch, der nicht auf der Abrechnung des Stromanbieters oder Heizölliferanten steht. Nämlich den, der bei der Produktion von Waren anfällt. Glas wird bei rund 1000° C geschmolzen, Keramik bei 900° C gebrannt. Für eine Rolle Haushalts-Aluminiumfolie braucht man so viel Strom wie für einen Singlehaushalt an einem Tag. Deswegen haben wir damals Alu-Verpackungen gemieden.  Das war ein Kriterium für die Auswahl von Butter (die gabs damals auch in Pergamentpapier) und Zahnpasta (da nehme ich heute noch das Konzentrat in der roten Tube).

Das Pladoyer für heimische Produkte ist dir sicher bekannt. Als „Fischkopp“ brauche ich keine Butter aus Bayern oder Irland, Kühe gibts hier nämlich auch. Fragt sich, warum der Supermarkt überhaupt Importbutter anbietet.

Bei anderen Produkten heißt es dagegen: verzichten! Z. B. auf Fisch aus den Tropen. Viktoriabarsch wird unter der Äquatorsonne in Afrika aus dem Wasser gezogen und muss sofort chemisch gegen Verwesung behandelt und in ununterbrochener Kühlkette nach Europa gebracht werden! Im Flugzeug! Ahnliches gilt für Pangasius aus Vietnam. Irrsinn!

Aber man muss das ja nicht kaufen. Thunfisch auch nicht. Das war die erste Art, bei der schon vor Jahrzehnten die Überfischung bekannt geworden war. Keine Ahnung, wann ich zuletzt welchen gegessen habe.

Umweltschutz geht nicht ohne Verzicht! Die Erdöl- und Gasvorräte sind bald erschöpft. Dass man jetzt mit grundwassergefährdenden Fracking-Verfahren noch etwas fördern will, ist etwa so, als wenn man aus einer schon ausgequetschten Zitrone mit aller Gewalt noch ein paar Tropfen Saft rauskriegen will. Aber bei den Leuten angekommen ist das noch nicht. Man fährt weiter Auto, macht Fernurlaub mit dem Billig-Flieger und konsumiert, als wäre nichts geschehen.

Nicht alles, was die Ressourcen der Erde verbraucht und das Klima schädigt, lässt sich durch was Umweltfreundliches ersätzen. Bei Treibstoffen aus nachwachsenenden Rohstoffen ist es deutlich geworden: für Soja- und Palmölplantagen werden gerade die letzten Regenwälder niedergemacht. Windkraft wird es auch nicht alles kompensieren können. Was für die dänische Insel Samsö im Video oben gilt, ist für industrielle Ballungsräume so nicht machbar. Also müssen wir uns auf  komplett andere Lebensweisen einstellen. Alles muss sich ändern: Industrie und Landwirtschaft, Stadtplanung und Architektur. Und unser Alltag, Haushalt, Freizeit. Fang damit an! Heute!

Oh Manno, nun bin ich aber arg ins Predigen geraten! Dabei wollte ich dir doch ein wenig von uns damals erzählen, was so alles anders war. Also weiter, ein neues Kapitel:

Medien und Freizeit

Als ich in deinem Alter war, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, Handys kamen erst um 1990, also zehn Jahre später auf. Wir mussten uns also aus der Zeitung, dem Fernsehen und dem Radio informieren oder in Bibliotheken recherchieren. Uns standen also weit weniger Informationen zur Verfügung als heute. Aber ich meine, wir nutzten sie intensiver.

In meiner Ortsgruppe des DJN (Deutscher Jugendbund für Naturbeobachtung) hielten wir jede Woche eine Presseschau. Jeder sammelte Artikel aus Lokalzeitungen oder Naturschutzzeitschriften, die wir dann vorlasen und besprachen. Wenn wir mit Leserbriefen auf etwas antworteten, dann dauerte es eine halbe oder auch ganze Woche, bis die erschienen. Aber wir gaben uns Mühe damit. Es waren keine dieser Möwenschisskommentare, wie man sie heute oft im Internet findet: aus einem spontanen Bauchgefühl wird da was Ätzendes losgelassen, ohne Rücksicht, wo und wie das ankommt und was es bewirkt.

Wir gaben eine kleine eigene Zeitschrift heraus, „Die Lupe“. Die Artikel mit Schreibmaschine getippt und mit selbstgezeichneten Illustrationen. Die Vorlagen wurden von einer Offsettdruckerei vervielfältigt und von uns selbst am Gruppenabend zu Heften zusammengetackert.

Totholz-Zeitungen mit großen Auflagen sind natürlich ein ernstes Umweltproblem. Was da an Wäldern in die Papiermühlen wandert… Und die chemischen Abfälle belasteten besonders in Schweden die Gewässer erheblich. Heute wird viel Altpapier recycelt und das Papier chlorfrei gelbleicht. Jedenfalls bei uns. Aber eine Menge Papier kommt inzwischen aus Übersee, wo man natürliche Tropenwälder durch Eukalyptus-Monokulturen zur Holzgewinnung ersetzt. Deswegen bin ich gegenüber Zusicherungen wie „Papier aus kontrollierter Forstwirtschaft“ oder so skeptisch.

Allerdings: Das Internet ist auch nicht ohne! Was die großen Server an Strom verbrauchen (auch für dieses Blogpost hier!), ist gewaltig!

Mach mal ein Experiment. Oder besser: mehrere. Kauf dir ein paar Wochen lang jede Woche eine Zeitung und lies darin. Nimm dir Zeit dafür! Vieleicht jede Woche eine andere. Markiere die Artikel, die du gelesen hast oder schneide sie aus. Gib den Artikeln Zensuren. Kriterien für die Bewertung: Wie relevant ist der Artikel für dich und dein Leben? Was bereichert dich, was fördert dein politisches Verständnis, was ist wirklich informativ und wichtig? Und dann sieh dir das an, was du nicht gelesen hast: was dich nicht interessiert, dich nichts angeht (Tratsch), Werbung und Anzeigen, die dich nicht betreffen. Wie ist das Verhältnis? Lohnt sich der Aufwand, für dich und die Umwelt? Deine Antwort kann ganz unterschiedlich ausfallen, je nach Zeitung/Zeitschrift und deinen Interessen.

Und jetzt mach mal den Gegenversuch: Nimm mal das unter die Lupe, was du an Informationen aus dem Internet bekommst. Prüfe das mit den gleichen Kriterien. Was bringt dich davon weiter? Was ist interessant und was von dem Interessanten ist wichtig? Was ist Tratsch oder sonstiger  Datenmüll?

Gleiches beim Fernsehen. Bis 1984 gab es noch keine Privatsender. Also nur ARD, ZDF und „das dritte Progamm“ mit regionalen Sendebeiträgen. Werbung war recht begrenzt. Das heißt, es gab nicht diese fürchterliche Quotenjagd mit reißerischen Themen, Casting-Shows und diesem Pseudo-Reality-TV. Informationssendungen und Sachen mit Niveau wurden noch nicht in die tiefe Nacht verbannt. Ich glaube, 1990 oder so stiegen meine Frau und ich aus. Wir merkten, das Fernsehgucken für uns nur verplemperte Zeit war. Das Puschenkino wanderte auf den Flohmarkt.

Wie ist es mit dir? Mache den Test, wie oben. Lass die Flimmerkiste nicht einfach laufen, sondern überlege dir, was du sehen möchtest. Notiere dir deine Erwartungen an die Sendung. Und kontrolliere hinterher, in wie weit deine Erwartungen erfüllt wurden. Mach auch mal folgendes Experiment: Schalte den Ton ab und sieh dir nur die Bilder an. Wie Relevant sind sie, welche Informationen tragen sie ohne den Ton? Oder umgekehrt: Decke den Bildschirm ab und höre nur den Ton. Wie „real“ wirken nun z. B. die Dialoge bei einer Serie oder einem Spielfilm? Und dann stell mal für ein oder zwei Wochen den Fernseher ganz ab. Was verpasst du?

Mit dem Radio schlage ich dir vor, mal ein oder zwei Wochen nur den Deutschlandfunk zu hören. Das ist noch richtig „Rundfunk“ wie in alten Tagen. Mit richtigen thematischen Sendungen, die man entweder sorgfältig hören muss oder die man abstellt, wenn sie einen nicht interessieren. Heute haben die Redakteure von Radio-Gaga und so ja richtig Angst, wenn ein Wortbeitrag zwei Minuten dauert, die Leute könnten ja umschalten. Text nur so als Snack zwischendurch, – Information und Meinungsbildung bleibt da auf der Strecke.

Das Telefon war der mausgraue Kasten mit Wählscheibe und dem Hörer am Kabel. Gespräche beschränkten sich auf Kurzinformationen und knappe Verabredungen. Dauerpalaver galt als Unsitte und war überdies teuer. Nur Firmen und Arztpraxen hatten Anrufbeantworter. Das alles erforderte Disziplin, die Infos mussten klar rüberkommen und Termine eingehalten werden. Aber im Vergleich zu heute empfinde ich es als große Freiheit, nicht permanent erreichbar und damit für andere verfügbar zu sein. Zwar habe ich inzwischen auch ein Handy, aber das ist so ein alter „Knochen“ für Notfälle. Selten, dass ich das Ding mal anschalte. Wenn ich hier die Mütter mit ihren Kids auf dem Weg zu Kindergarten sehe, macht mich das ratlos. Statt mit ihren Kindern zu reden, klönen die am Telefon oder tippen drauf rum…

Wie hältst du das mit dem Handy und all seinen Funktionen heutzutage? Und mit dem Internet? Geh doch mal für eine Weile komplett offline. Unplug your life! Kündige deinen Freunden das vorher an, damit sie sich nicht dauernd beschweren, wenn du nicht auf Anrufe oder Textnachrichten reagierst. Vielleicht machen sie ja auch mit?! Wenn sich das im Alltag nicht so total realisieren lässt, weil ihr z. B. beruflich das Web braucht oder dienstlich erreichbar sein müsst, dann versucht es in der Freizeit, am Wochenende. Tut euch mit ein paar Leuten zusammen und mietet euch für ein paar Robinson-Crusoe-Tage auf dem Zirkelstein ein. Einfach mal off sein, auch räumlich!

Teich

Teich auf dem Weg vom Zirkelstein zur Bahnstation Schmilka, Elbsandsteingebirge. (C)JIK

Kann sein, dass dann erst mal so eine Art Horror vacui ausbricht, so ein Schrecken vor der plötzlichen Leere. Halte das ruhig mal aus. Setz dich mal für eine Stunde ganz alleine in den Wald, lehne dich an einen Baumstamm und warte. Wenn du sie nicht sowiso schon hast, dann wirst du eine unglaubliche Sensibilität entwickeln. Für die feinen Geräusche. Den Wind in den Zweigen. Gerüche, die bei jedem Wetter anders sind. Für den Tau auf den Spinnweben, den Käfer, der durch das Gras krabbelt, für das intesnsive Grün der Moospolster nach dem Regen.

Moos

Im Elbsandsteingebirge. (C)JIK

Mach Notizen, führe Tagebuch, zeichne. Versuche dich an einem Haiku.

Ich selbst war (und bin) ein leidenschaftlicher Briefeschreiber. Manchmal schrieb ich viele Seiten, obwohl das Recyclingpapier damals von so schauderhafter Qualität war, dass die Tinte zerfloss wie auf einem Löschblatt. Manchmal verschickte ich auch nur ein einziges Wort, mit einer Zeichnung oder einer aufgeklebten Feder, die ich gefunden hatte.

Letztens sprach ich mit jemandem in deinem Alter, und es stellte sich heraus, dass das Mädel noch nie einen richtigen handgemachten Brief bekommen hatte. Irgendwie traurig! Einem Menschen, der vielleicht gar nicht damit rechnet, einen Brief schreiben, – sicher eines der 1001 Dinge, die man getan haben sollte, bevor es Füllfederhalter nur noch im Museum gibt!

Wenn uns Regenwetter für längere Zeit in das Zelt verbannte, gab es Vorlesestunden aus den wenigen Büchern, die in unseren Rucksäcken Platz gefunden hatten. Ein Kultbuch war damals Der Papalagi von Erich Scheurmann, eine köstliche Satire über die moderne Zivilisationsgesellschaft. Falls du es nicht kennst: unbedingt lesen! Etwas schwerer verdaulich und zum Vorlesen nicht ganz so geeignet, aber auch ein Kultbuch unserer Tage: Henry David Thoreau; Walden. Gibts günstig als Taschenbuch. Und, ebenfalls von Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat.

Und wie war es mit Musik? Hmm, was den Mainstream betrifft, hat sich da nicht so fürchterlich viel getan, außer dass es noch keinen Rap und Hip-Hop gab, und natürlich auch kein Techno. Im Pop ging es etwas mehr unplugged zu, wenn du mal  hier rein guckst.  In der Öko-Szene liebten wir Folk- und Protestsänger wie z. B.  Joan Baez, besonders aber Liedermacher wie Bettina Wegener oder Hannes Wader, die viel von unserer Stimmung ausdrückten. Unsere Hymne 1980 an Lagerfeuerabenden im Wendland: Das Gorlebenlied. Wir hatten aber auch ältere Songs in unseren zerfledderten Liederbüchern, Bob Dylan fällt mir gerade ein. Schön schräg, die alte Aufnahme, aber besser klang es bei uns ja auch nicht. Hauptsache, es war auch für unmusikalische Typen wie mich irgendwie mitgröhlbar. 😀

So, nun ist mein Brief reichlich lang geworden. Es wird Zeit, dass ich aufhöre, über meine jungen Jahre zu räsonieren. Nur eines noch:

Irgendwann vor ein paar Jahren habe ich mich selbst mal gefragt, warum wir in unserer damaligen Clique nie das Bedürfnis nach Drogen, Besäufnissen oder so hatten. Waren wir in unserer alternativen Gesinnung doch  immer noch brav und bieder? Vielleicht. Ich meine aber, dass es an etwas anderem lag. Wir lebten auch so unglaublich intensiv! Wir waren wach, sensibel und engagiert. Wir brauchen keinen extra Kick. Wir lebten leidenschaftlich, aber, abgesehen von Demos, ohne Lärm.

Wenn wir abgekämpft und müde von unseren Expeditionen heimkehrten, saßen wir oft noch bei einer Kanne Tee beisammen. Wir ließen Kandis in die Tasse fallen und schwiegen. Dann nämlich hörten wir sein leises Knistern.

Herzlich hoy,

dein Ismael

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9 Kommentare
  1. Mir fällt noch der Film Koyaanisqatsi ein der mit seinen apokalyptisch-irritierenden Bildern irgendwie unsere die Stimmung in der damaligen Zeit zeigt und dessen symbolträchtige letzte Szene wir geradezu als prophetisch empfanden:

  2. toller artikel! 🙂

  3. Gerald permalink

    Schoen dass noch etwas vom damals-DJN im Internet haengengeblieben ist! Welche DJN-Gruppe war das eigentlich (ich war in Norderstedt…)

    Gerald

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