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Coffee to go berserk!

12. September 2013

„Mal sehen, wie die Fikadellen denn heute heißen…“ Mein Komilitone und ich studierten dem Menüplan der Mensa und stellten uns bei den Hackfleischbällchen an. Nachdem ich an der Ausgabe meine Pappmarke gegen ein orangefarbenes Tablett getauscht und einen Blick auf mein darauf befindliches Mittagsmahl geworfen hatte, meinte ich, der Küchenchef hätte die Dinger auch „Koprolithen*“ nennen können.

Die Mensa war von der Geräuschkulisse allgemeiner Gespräche erfüllt, aber es gab kein Geschirrgeklapper. Denn es gab kein Geschirr. Jedenfalls kein richtiges. Die Fleischbällchen befanden sich auf Einweg-Plastikdingern mit verschiedenen Fächern, in denen noch die Nudeln und das Gemüse ihren Platz hatten.

Leider bekamen wir nur noch einen Platz an den ungeliebten Tischen in der Nähe des genüsslich vor sich hin knuspelnden Müllschluckers. Die bereits abgefütterten Studierenden (damals, Ende der 70er Jahre hießen sie noch Studenten und Studentinnen) schütteten auf dem Weg nach draußen eben jenes Einweggeschirr hinein. Dankbar lächelten wir einem Institutslaboranten zu, der den Müll grimmig und natürlich vorschriftswidrig mitsamt dem Tablett in die Klappe warf. Mit dieser harten Kost überfordert, begann der Schredder nun lautstark zu rappeln und gab dann endlich Ruhe!

Nach eine Weile ging ein kurzes Raunen durch den Raum und das Gebrabbel verstummte. Wir sahen, dass einer der Mensagäste ein Stück von seinem geleerten Styropor-Suppennapf abgebrochen und angezündet hatte. Mit dem andächtigen Blick eines Tibeters vor den Opferlampen eines heiligen Schreins schaute er einen Moment in die blakende Flamme. Dann stippte er den stinkend schmelzenden Brocken in den Rest seiner Soße. Argwöhnisch verfolgten unsere Blicke die Rauchfahne, die sich auf halbem Wege zum Rauchmelder in schmierig schwarze Flöckchen verwandelte und sanft wieder auf die speisende Gesellschaft herabschwebte. Das Gebrabbel begann von neuem. Vom Nachbartisch hörten wir ein Kurzreferat über Brände von Gebäuden mit Isolierungen aus Polystyrolschaumstoff. Die dabei freiwerdende Säure führt angeblich zum  Totalschaden an Stahlbetonarmierungen. Mich hätte in diesem Augenblick mehr die Wirkung von Styrol auf die Atemwege interessiert, aber die Mediziner hatten woanders ihre eigene Mensa.

Wohlan, mein Komilitone und ich wollten die Vorlesung des liebenswerten alten Prof. Lehmann in allgemeiner Paläontologie nicht verpassen. Allerdings waren unsere Mägen sehr mit den Hackfleischbällchen beschäftigt, die wir deshalb noch einmal in „Gastrolithen“ umtauften. Der Kreislauf hatte bereits in den Siesta-Modus umgeschaltet. Da half nichts, als am Automaten so ein Aufputschmittel namens Kaffee zu zapfen und mit in den Hörsaal zu nehmen. Kaffee in dünnen Schwabbelwabbelplastikeinwegbechern, an denen man sich die Pfoten verbrennt, wenn man nicht irgendwelche Vorkehrungen trifft? Keine so zukunftsweisende Erfindung! Außerdem hatten uns Exkursionen in angewandter Geologie auch über Mülldeponien geführt. Deren scheußlicher Anblick kam uns bei jedem Gedanken an solchen überflüssigen Abfall wieder hoch. Deshalb baumelten an unseren Rucksäcken immer altertümliche Emaillebecher, die dem Requisitenfundus eines Wildwestfilms hätten entstammen können. Die schoben wir in den Rattengiftautomaten und die Wegwerfbecher konnten uns gestohlen bleiben.

Emaillebecher

Treuer Begleiter im Hörsaal, auf Exkursionen und bei Ausgrabungen.

Lang, lang ist das her. Den Emaillebecher habe ich immer noch, brauche ihn aber nur noch selten. Die Kantinen haben ihre Müllschlucker ausgemustert und wieder Geschirrspüler angeschafft. Sogar auf Volksfesten und Adventsmärkten gibt es wieder echtes Geschirr, das man zu Spülstationen zurückbringt.

Nur auf dem Bahnhof klappt das so nicht. Jede Menge Bäckereien und Imbissgelegenheiten in der Wandelhalle. Dort bekommt man „coffee to go“. Wenn diese Geschäfte vom „coffee to go“ leben müssten, wären sie pleite. Aber sie verkaufen das gleiche Produkt auch, wenn man einen „Kaffee zum Mitnehmen“ bestellt, und das ist nun mal das, was der deutsche Reisende möchte. Mitgenommen wird der Kaffee im Styroporbecher oder in Pappe, die nicht mehr ganz so wabbelig ist wie früher. Mit Plastikdeckel gegen Geschwabbel, durch den man trinken kann wie Oma aus der Schnabeltasse.

Star-Bucket

Ein Eimer Kaffee zum Mitnehmen.

Ich bin häufig mit der Bahn unterwegs, und nun könnte eigentlich mein alter Emailleveteran aus Studientagen wieder zu Ehren kommen. Nur ist die Gesellschaft offensichtlich schläfriger geworden, jedefalls sind die Kaffeeportionen jetzt größer. Zumindest, solange man ihn am Bahnhof kauft und nicht im Zug. Wenn man bei Starbucks einen kleinen Kaffee bestellt, bekommt man einen Eimer voll. Zu viel für meinen kleinen Rucksackbecher aus Wildwestzeiten. Also habe ich mir bei meinem Trekkingausrüster für solche Zwecke einen großen Isobecher gekauft und ihn zu Ehren des eben erwähnten Geschäftes „Starbucket“ getauft. Die und einige Konkurrenten führen solche Utensilien auch selber im Sortiment und die Bedienung kennt sich aus.

Aber an einigen Menschen scheint das Thema Umwelt irgendwie total vorbei gegangen zu sein. So in einer Bahnhofsbäckerei in Hamburg. „Einen Kaffee zum Mitnehmen bitte. Ich hab ’nen eigenen Becher mit!“ Ich reichte dem Mädel hinter dem Tresen meinen Isobecher zum Nachtanken. „Da gehen 300 ml rein“, fügte ich hinzu, womit klar war, welchen Knopf an der Maschine sie zu drücken hätte.

Aber was macht dieses Tamagotchihirn? Sie stellt nicht etwa meinen Starbucket unter den Zapfhahn, sondern nimmt einen Styroporbecher, füllt den mit Kaffee, gießt ihn um und wirft den Styroporbecher weg. Ich hätte die dumme Nuss gerne hinterhergeworfen! Nur war leider der Tresen mit den belegten Brötchen dazwischen.

Die nächsten 100 km in der Regionalbahn dachte ich darüber nach, was in 35 Jahren Umweltbewegung in den Köpfen der Menschen angekommen ist. Bei manchen wohl garnichts. Was hatten die Eltern diesem Mädchen vermittelt? Was war mit Kindergärtnerinnen, Lehrern, Ausbildern im Betrieb, Vorgesetzten in dieser Filiale? In was für einer Welt leben die?

_________________

*Koprolithen: versteinerte Saurierexkr… äh… Ach, googelt das selbst! 😉

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From → Natur und Umwelt

3 Kommentare
  1. zirbelin permalink

    Sehr geehrter Herr Kluever,

    seit einer ganzen Weile verfolge ich mit großem Interesse Ihren Blog. Sie haben fürwahr eine Begabung sich auszudrücken und vieles weckt Erinnerungen oder regt mich zum Nachdenken an. Dafür danke ich Ihnen.

    Was mir zunehmend jedoch auffällt ist, wie Sie unfreundliche und verletzende Dinge in gut ausgedrückte Sätze verpacken, so dass man den Text (zum Beispiel obigen) liest und denkt, ja der hat recht, stimmt alles und dabei solche Stachel wie “Tamagotchihirn“ und „dumme Nuss“ einfach übersieht oder schluckt. Diese Art finde ich mindestens herablassend und anmaßend. Was wissen Sie über diese arme Verkäuferin und ihre Sorgen, dass Sie sich so über sie erheben? Wer weiß, was in ihr vorging, dass vielleicht einfach ein Automatismus ihre Handlungsweise bestimmt hat, und sie Ihr Anliegen, den Umweltschutz betreffend, einfach nicht gesehen hat. Auch der Brief an die Bäcker ist ähnlich, wenn auch nicht ganz so unfreundlich gestrickt.

    Bitte denken Sie darüber nach.

    Viele Grüße

    • Zugegeben, zirbelin, meine Wortwahl war nicht besonders süßlich. Zumal ich sonst ein recht umgänglicher Mensch bin, der auch gerne Fehler verzeiht (schließlich mache ich selber genug!) und der den Macken anderer mit Wohlwollen begegnet. Im Übrigen habe ich mich auch damals gegenüber dem Fräulein am Bäckertresen manierlich benommen.

      Ich bin mir sicher, dass es nicht Unkonzentriertheit oder Stress war, was das Mädel zu überflüssiger Müllproduktion veranlasst hat. Und auch nicht irgendwelche Hygienevorschriften, denn inzwischen – Chapeau! – zapfen sie den Kaffee direkt in meinen Isobecher. Es war Gedankenlosigkeit. Nicht eine augenblickliche Geisteabwensenheit, wie sie immer mal vorkommt, sondern die Weigerung, die Umwelt im allgemeinen und speziell in Form meines Isobechers wach wahrzunehmen und darüber nachzudenken.

      Damit steht jenes Mädel stellvertretend für eine ganze Generation. Das macht mich zornig, und diesen Zorn mag ich nicht in Watte verpacken. Bei uns gibt es ganze Stadviertel, in denen die Leute, trotz vieler hübsch bunter Tonnen, ihren Müll nicht trennen. Warum? Sie tun es einfach nicht, basta! Und es geht ja nicht nur um Müllvermeidung und Mülltrennung.

      Als Alt-Öki habe ich das Gefühl, von der Gesellschaft während der „Ära Kohl“ und danach, von Politikern, Idustriellen, Ingenieuren, Städteplanern und gewöhnlichen Konsumenten regelrecht verraten worden zu sein. Das Symbol dafür ist für mich das Tamagotchi. Ein Industrieprodukt, das keinen anderen Zweck hat, als verkauft und bedient zu werden. Ohne jeglichen wirklichen Nutzen für den Besitzer. Und nach einem kurzen Hype liegt nun dieser ganze Elektronikschrott in den Schubladen herum bzw. ist auf dem Müll gelandet, inklusive der Batterien, von denen wohl die wenigsten anständig recyled worden sind. Das ist symptomatisch für einen umweltschädlichen Lebensstil, den ich hier schon mal zum Thema gemacht habe.

      Ja, ich bin zornig!
      Und diesen Zorn braucht Worte!

      • zirbelin permalink

        Ja, Ihr Zorn braucht Worte! Finde ich gut.

        Aber auf Kosten einer fremden Frau? (Nicht dass ich behaupte, sie hätte es gemerkt.) Sie unterstellen ihr etwas, was zwar im allgemeinen für eine ganze Generation steht, nur ich finde dann muss das auch allgemein für eine ganze Generation formuliert werden. Sobald so eine Frau stellvertretend für alle „niedergemacht“ wird, wird das Gesagte für mich weniger glaubwürdig, mehr persönlich, weniger allgemeingültig, mehr unfreundlich. Und vielleicht sorgt sie sich in ihrem Leben, um andere Dinge so sehr, dass der Umweltschutz für sie so weit weg ist, wie der Mars. (Wie bringe ich meine Familie über die Runden oder wie zahle ich meine Rechnungen oder wie gehe ich mit meinem drogensüchtigen Sohn um?)

        Ihren Alt-Öki Beitrag hatte ich gelesen. Zu den Alt-Ökis gehöre ich nicht, aber noch zu den Jung-Ökis. Und als Mitglied dieser „Zwischengeneration“ finde ich vieles auch empörend, aber sehe auch wie in manchen Familien, während des täglichen Überlebenskampfes, kaum mehr Kraft ist, für Dinge gegen die ich als Jugendliche demonstriert habe. Das ist das, was mich eigentlich umhaut.

        Keine Ahnung, ob ich mich verständlich machen konnte, ansonsten ein angenehmes erstes Fastenwochenende.

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