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Sind wir hier in IKEA?!

5. Oktober 2013

“Post!” tönt es kurz aus der Gegensprechanlage und ich drücke auf den Türsummer. Der Paketbote turnt die Treppe hoch.

“Kannst du ein Paket für deinen Nachbarn annehmen?” fragt er.

“Klar, kann ich!” Ich nehme die Sendung des Internet-Versandhandels entgegen und quittiere ihm das auf seinem Eingabegerät.

“Für dich hab ich auchz noch ein Päckchen!”

“Schön!” Für das Päckchen muss ich nicht noch einen masernkranken Regenwurm auf das Display kritzeln. “Schönes Wochenende!” Und schon düst er davon.

Nachdem ich die beiden Kartons abgestellt habe, werfe ich einen Blick in den Garderobenspiegel. Sehe ich wirklich noch so milchgesichtig aus, dass mich der Jungspund ungeniert duzen darf? Nein, stelle ich fest, meine Konfirmation liegt schon etwas zurück. Sogar schon recht lang, denn Schnauzbart und Haupthaar beginnen nachdrücklich grau zu werden. Eine Reihe feiner Falten auf der Stirn und um die Augen zeigen an, dass ich schon mehr erlebt habe als in der Schule beim Spicken erwischt zu werden. Als dieser Postler noch in der Sandkiste buddelte, hatte ich schon eine Familie gegründet, vom Spielplatz konnten wir uns also nicht kennen. Und auch sonst fiel mir beim besten Willen nicht ein, auf welchem Berg wir schon mal gemeinsam Schweine gehütet hätten, dass so ein kumpelhaftes Du gerechtfertigt wäre.

Bleibt nur eine Erklärung. Der junge Mann hatte es einfach nicht gelernt. Nicht von seinen Eltern, nicht von den Lehrern, die sich womöglich noch was darauf einbildeten, mit Schülern per du zu sein, nicht von den Ausbildern, die einem doch was über den respektvollen Umgang mit Kunden beibringen sollten. Uns war früher schon als ABC-Schützen klar, dass man zu Erwachsenen “Sie” sagt. Und ab unserer Konfirmation, spätestens mit Eintritt in die Oberstufe wurden wir selber gesiezt, schlagartig behandelte man uns als Erwachsene. Das “Du” verlangte eine Legitimation: eine gemeinsame Kindheit, gemeinsame Schuljahre oder Studienzeiten, echte Freundschaft, enge gelebte Nachbarschaft oder dass man sonstwas miteinander durchgemacht hatte. Exkursionen auf 3000 m über NN und entbehrungsreiche Märsche in unwegsamen Sümpfen galten in den Geowissenschaften als Anlass, dass der Dozent seinen Studierenden das Du anbot.

Aber heute scheint es modern zu werden, Alters- und damit Erfahrungsunterschiede grundsätzlich abzulehenen. Bei Facebook wird auch eine nur oberflächlich wahrgenommene Person gleich zum “Freund”.  Dabei bedeutet das englische “friend” nicht nur “Freund” sondern auch “Bekannter” im weiteren Sinne. Es macht mich nachdenklich, wenn die im Web üblichen Gebräuche, die auf Grund der Internationalität des Internets (oder weil auf Webforen sowiso meistens nicks verwendet werden)  ja auch legitm sind,  gedankenlos auf das “real life” übertragen werden. Nicht, weil ich irgendwie eitel wäre. Aber weil das zu selbstverständliche “Du” die echte Freundschaft ihres Zeichens beraubt.

Und weil es leugnet, dass wir, die mit grau werdenden Schläfen, der Jugend etwas anzubieten haben. Eine Portion Lebenserfahrung nämlich, die wir gerne weitergeben. Wenn ihr jungen Leute danach fragt, wenn ihr von unserer Erfahrung profitieren wollt, wenn es zu einem ehrlichen Austausch kommt, dann mag gerne eine Freundschaft und ein vertrauensvolles “Du” daraus werden. Von mir aus herzlich gern!

Aber was den Umgang mit fremden Leuten betrifft, so sind wir nicht in IKEA, sondern in Deutschland. Und deshalb darfst du, lieber Paketpostbote, gerne „Sie“ zu mir sagen. 😉

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From → Sammelsorium

5 Kommentare
  1. 🙂
    Nehmen Sie’s dem Paketboten doch nicht so krumm. Immerhin hat er ein so eng getaktetes Pensum, dass ihm die gestelzte Form zu viel Zeit wegzunehmen scheint. ^^

    Bei Ikea find‘ ich übrigens sehr lustig, dass die Mitarbeiter ihre Kunden lieber siezen wollen. Auch auf den selbst erstellten Hinweiszetteln steht häufiger „Sie“ als das Konzept erahnen lassen würde.

    • *schmunzel*
      Ich geb’s ja auch zu, dass es mir manchmal gut tut, von jungen Leuten mit Du und Vornamen angeredet zu werden. 😉 Auch das kann schließlich eine Ausdrucksform des „Ernstnehmens“ sein. Nur habe ich mit denen in irgendeiner Weise zu tun, in der Gemeindearbeit, bei intensiven Diskussionen in Internet oder sonstwie.

      Manchmal ist es auch drollig, dass ich mit Eltern aus irgendwelchen Gründen per Du bin, dass deren Kinder aber fein „Sie“ und „Herr Kluever“ sagen. Die mögen auch nicht immer so viel Nähe. Und dass muss man ihnen dann auch lassen.

  2. andreasm. permalink

    Cool geschrieben.
    Und ja, wir haben noch gelernt, zuerst mal alle zu Siezen.
    Hier in der Schweiz, wo ich arbeite, braucht es manchmal auch längere Zeit, ehe sie einem das Du anbieten – das bedeutet dann aber auch „ebbes“.
    Liebe Grüsse, Andreas

  3. Oh ja, sowas regt mich auch auf. Nun bin ich eigentlich noch sehr jung und viele Menschen gleichen Alters nehmen an, in mir eine Komilitonin zu erkennen (und damit haben sie auch Recht), als mir aber neulich in einer Bar die Kellnerin mit gerunzelter Stirn die Frage stellte: „Soso, aber bist Du denn schon 18? Und hast Du einen Ausweis?“ Da wäre mir auch fast der Kragen geplatzt (kein Trinkgeld, auch, wenn die Kellnerin vermutlich nicht ahnen konnte, warum). Auf Verdacht siezen tut nämlich auch keinem Weh.
    Übrigens ist es ein weit verbreiteter Irrtum, im bairischen Dialekt würde prinzipiell geduzt! Im Gegenteil, die Flexion des „Sie“ ist für nicht-native Sprecher außerordentlich schwierig und das Siezen ist ganz besonders für Respektpersonen wie Pfarrer, Lehrer, Polizist und das geschäftliche Leben reserviert.
    Ich persönlich finde es auch wichtig, dass ich mit einer Person, der ich etwas verkaufen/von der ich etwas kaufen will anders umgehe, als mit einer Person, der ich etwas schenken will 😉

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