Skip to content

Tattoos und Piercing: Warum?

14. Januar 2014

„Ich knie hier vor dir als Bewunderer der schönen Künste!“

Gelächter ringsum, das war eingeplant. Auch das Mädchen, das seine langen Beine von der Gartenmauer baumeln ließ, lachte herzlich! Schließlich passierte es nicht alle Tage, dass ein Knabe etwas fortgeschrittenen Semesters sich vor ihr hinhockte, ungeniert ihre sportlichen Waden betrachtete und dann auch noch so einen geschwollenen Spruch los ließ. Aber ich wusste, dass ich es bei ihr machen durfte, so unkompliziert, humorvoll und charmant, wie sie war. Die junge Schönheit gehörte zu einer Gruppe von Firmlingen, mit denen wir eine Fahrt ins sommerliche Italien gemacht hatten.

Und so begann sie unaufgefordert zu plaudern. Es schien, als hätte sie das schon öfter getan. Ja, das Bild von dem mit Seetang umwucherten Anker an ihrem Fußgelenk, dass ich da begutachtete, sei „echt“. Also eine Tätowierung, nicht nur Body-Painting. Und sie habe eigentlich gar keinen besonderen Bezug zum Meer oder zur Seefahrt.

„Und was hat dich dann dazu bewogen, dir so ein Bild stechen zu lassen?“ Die Antwort, das gebe ich zu, irritiert mich noch heute. Es sei gewesen, als sie 18 Jahre alt geworden sei. Da hätte sie das „gedurft“.

Sich tätowieren lassen als Zeichen der Volljährigkeit und der Freiheit von Bevormundung. Hm, das ist ein wenig wie bei Naturvölkern, wo gelegentlich auch die Lebensabschnitte durch Tattoos, Ziernarben oder ähnliches kenntlich gemacht werden. Nur ist es dort ein gesellschaftlicher Akt, und alle erkennen die Bedeutung der Zeichen. Hier aber war es eine ganz individuelle Entscheidung auf dem Weg zur Selbstfindung. Ähnlich, wie bei der anderen Firmandin, die bei einem Nachtreffen mit einem Piercing auftauchte. Sie war in der Zwischenzeit ebenfalls 18 geworden.

Also ein etwas anderes Phänomen als bei meinem frühereren Nachbarn, dessen Anker auf dem Oberarm ein Souvenir aus seiner Zeit in der Kriegsmarine, also das Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe war.

Ich glaube, man hat es mir bei den Gesprächen mit den hübschen Mädels angesehen, gesagt habe ich es ihnen nicht. Ich wollte nicht taktlos sein und sie nicht verletzen. Aber mich schaudert, wenn ich so was sehe. Es ist ja nicht nur so, dass eine Tätowierung sich nicht mehr oder nur sehr schwer entfernen lässt. (Auch Lasern hinterlässt Spuren, es gibt erst mal für eine Weile „Brandnarben“.) Haut, gerade junge Haut verändert sich. Körperzellen sterben ab und werden durch neue ersetzt. Dabei verwischt eine Tätowierung und wird, besonders wenn sie feinteilig ist, undeutlich. Der Anker mit den Schlingpflanzen am Fußgelenk meiner bewunderten Schönheit wird bald aussehen wie die Krampfadern ihrer Oma.

Richtig schlimm wird es bei großflächigen Bildern. Im Entwurf, und so lange sie frisch sind und aus unmittelbarer Nähe betrachtet werden, wirken sie wie Kupferstiche. Aber schon aus einigen Metern Entfernung erkennt man nur noch diffuse Flächen, als hätte der Tätowierte eine Hautkrankheit. Noch schlimmer: Wenn Bild an Bild gereiht wird, augenblicklichen Launen folgend, ohne auf den Eindruck als Ganzes zu achten. Das Ganze verschwimmt zu einem visuellen Gematsche. Die Arme von David Beckham sehen einfach nur „dreckig“ aus.

Eine Tätowierung hat ja nicht nur eine Wirkung auf einen selbst, wenn man vor dem Spiegel steht, sondern auch auf andere. Und daran denken wenige. Im letzten Sommer begegnete mir am Strand eine Dame, die an mehreren Körperpartien mit längeren Texten „beschriftet“ war. Ich war versucht zu fragen: „Gnädige Frau, darf ich Sie mal lesen?“ Was sich freilich nicht geschickt hätte, denn die Frau war nackt, und da hätte ich mich bei der Lektüre doch etwas geniert. Und sie sich wohl auch. 😉 Aber für wen hatte sie sich denn so zugetextet? Nur für ihren Liebsten? Sie selbst konnte die Verse ja nur über Kopf oder verkehrtherum im Spiegel sehen.

Ob sie in ein paar Jahren noch zu diesen Texten stehen kann? Oder ob sich ein Mann, der sich als Halbstarker Totenköpfe, Drachen und Fantasy-Szenen stechen lässt, bewusst ist, dass er vielleicht mal ein Kind auf dem gruselig illustrierten Arm hält?

Ich habe nur sehr wenige Tattoos gesehen, die wirklich „passen“.  Die zum Körper und zum Wesen der Person passen, auch wenn sie älter wird und in einen anderen Lebensabschnitt eintritt. Immerhin, es gibt sie! Und diese Tattoos sind von großer graphischer Schlichtheit, man kann sie auch aus der Entfernung gut erkennen. Sie sind harmonisch den Körperproportionen angepasst.

Nur wenige Tätowierer machen das richtig und beraten auch anständig (sonst gäbe es allenthalben nicht so viel Mist auf der Haut). Es erfordert in jedem Fall sehr viel Reife, sich richtig zu entscheiden. Wer im Zweifel ist, soll es bitte bleiben lassen!

Auch bei Piercings denke ich oft: Kinders, warum verunstaltet ihr eure jugendliche Schönheit mit solchen Pickelprothesen? Nun, in den späten 70er Jahren begann Piercing ganz bewusst als Provokation. Da waren es Punks, die sich brutal ganz gewöhnliche Sicherheitsnadeln durch die Wange stießen. Das sollte heißen: „Wir […] auf eure schöne heile Wellnesswelt!“ Die Punks wollten gezielt erschrecken.

Längst ist Piercing zur Mode geworden. Und trotzdem zieht sich mir immer was im Magen zusammen, wenn ich junge Leute sehe, denen die Ringe wie Rotz aus der Nase hängen oder deren Lippen verdrahtet sind, als hätte ein Unfallchirurg gerade eine Platzwunde zusammengetackert. Schauder!

Bitte, wenn ihr es trotzdem machen lassen wollt, überlegt genau, warum! Folgt nicht irgendwelchen Moden! Tut nichts, nur weil andere es tun! Vielleicht ist das Nicht-tun-weil-andere-das-tun das eigentliche Zeichen von erwachsen- und unabhängig-sein.

Und falls ihr mit Suchbegriffen auf diesen Artikel gestoßen seid, die mit „Soll ich…“ beginnen und mit einem Fragezeichen enden, dann lasst es! Dann seid ihr euch nämlich nicht zu 100% sicher! Denkt dran: Das Tattoo und das Piercing können warten!

Nichts zwingt euch! Nichts drängt euch, Dinge zu tun, von denen ihr nicht absolut überzeugt seid!

Advertisements

From → Sammelsorium

2 Kommentare
  1. Eine Freundin von mir trägt mehrere Tattoos am Körper verstreut. Aber zu ihr passt es. Sie ist in der Kreativbranche und trägt ihre Haare in allen nur denkbaren Farben, dazu ihr extrovertierter Kleidungsstil… Ich bewundere sie für ihre Entscheidungsfreude. Ich weiß, dass mir schon morgen nicht mehr gefiele, was ich heute noch als großen Wurf empfinde. Dazu sind ihre Tattoos sehr ausgewählt (auch, wenn sie vom Stil her nicht so absolut zusammenpassen). Mindestens eines davon hat sie selbst designt und ein anderes stammt aus einem buddhistischen Kloster in Thailand, wo die Mönche für einen entscheiden, welches Muster (sie beinhalten eine Art Segensspruch) zu einem passt.
    Trotz aller Eklektik finde ich es schön und faszinierend. An mir hingegen wäre es nur lächerlich und unpassend.
    Als ich hörte, dass sich koptische Jugendliche Kreuze auf die Handgelenkinnenseite tätowieren lassen, habe ich kurz über ein Solidaritätstattoo nachgedacht. Als ich sah, dass Demi Lovato – ein Popsternchen aus dem Hause Disney auch so eines hat, war mein Eifer sofort gebremst. Und wenn wir schon bei religiösen Tattoos sind: Justin Bieber trägt auf seinen Rippen „Jeshua“ in hebräischer Schrift. Kulturelle Sensibilität war noch nie sein Ding.
    Wer sich allerdings an den grausigen Folgen unüberlegter Tattowiererei erfreuen möchte, dem empfehle ich diese Seite: failblog.cheezburger.com/ugliesttattoos

Trackbacks & Pingbacks

  1. Tattoos und Piercing: Warum? | theolounge.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: