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Autisten sind anders!

15. April 2014

Ja, auch ich habe Vorurteile gehabt. Oder besser gesagt: ein äußerst beschränktes und deshalb unbrauchbares Wissen. Kein Wunder, denn ich bin früher nie mit Autisten in Kontakt gekommen. Jedenfalls nicht so, dass ich es gemerkt hätte.

Was ich über Autismus wusste, stammte aus beiläufig aufgeschnappten Notizen in der Presse. Autisten, das waren demnach Leute, die ihre Mitmenschen entweder gar nicht zur Kenntnis nahmen oder ihnen bestenfalls den Stellenwert von Gegenständen einräumten. Leute, die keine Gefühle zeigten und demnach wohl auch keine hatten. Oder, wenn doch, dann nur gegenüber Pferden, Hunden und Delfinen. Ja, irgendwie unheimlich, diese seltsame Spezies von Menschen. Ich hatte jedenfalls keine Lust, mit ihnen zu tun zu bekommen. Jemand, der mich als Person, als Gegenüber, als Gesprächspartner nicht wertschätzt, konnte mir gestohlen bleiben.

Egal, Autismus ging mich nichts an und ich dachte nicht weiter darüber nach. Wozu auch!

Dann kam der  30. Juni 2011. In einer christlichen Webcommunity, in der ich damals schrieb, entdeckte ich den Blogeintrag einer Autistin. Das Kartenhaus meiner rudimentären Vorstellungen wurde kurzerhand weggepustet. Die Tatsache an sich, dass die junge Frau ein Weblog begann, zeigte, dass sie kommunizieren wollte. Andere Leute waren also doch nicht egal. Und ihr Stil war alles andere als lexikalisch-nüchtern, wie sonst immer behauptet wurde. Er war farbig, ausdrucksvoll, facettenreich, voll von Emotionen.

Also: Reset, – ich wusste nichts über Autismus!

Aber ich konnte fragen. Bereitwillig erzählte die Bloggerin von ihrer „Glasinnenwelt“, wie sie es nannte. Von ihrer Wahrnehmung von uns außerhalb der Glaswand: gesichtlose graue Schattenmenschen meistenteils, ein paar ganz wenige Farbmenschen, zu denen sie Zugang fand. Von ihrem Hund, der in beiden Welten zu Hause war.

Auch sie stellte Fragen an mich: Was ist Neid, was ist Eifersucht? Warum verhält sich ein bestimmter Mensch in dieser oder jener Situation soundso? Wir fragten und antworteten einander völlig wertfrei, ohne jegliches „ach was bist du blöd, dass du das nicht weißt!“

So entwickelte sich eine Web-Freundschaft, die wir auch nach Schließung jener Community fortsetzten. Auch anderswo versuchte ich mich im Internet schlau zu machen. Mehr als lexikalische Artikel interessierten mich jene Blogs, in denen Autisten selbst anschaulich von ihrem Erleben berichteten. Auch hier stellte ich Fragen, kommentierte hin und wieder einen Artikel, knüpfte Kontakte. So kam es, dass ich „im Internet falsch abbog“:  dass ich zur Zeit häufiger mit Autisten chatte als mit Nichtautisten und auch gerne ihre Texte lese.

Warum? Jedenfalls nicht aus einem voyeuristischen Interesse am Schicksal fremder Leute, so bizarr das auch manchmal sein mag. Ich habe ein ausgeprägtes Gespür dafür, was mich etwas angeht und was nicht.

Zu Anfang mag die andere Wahrnehmungweise von Autisten exotisch gewirkt und neugierig gemacht haben, das gebe ich zu. Vielleicht deswegen, weil ich immer mehr meine eigene Wahrnehmung hinterfragte. Weil mir immer öfter bewusst wurde, dass man die Welt, das Gebaren der Menschen und ihr oft überflüssiges Gerede auch ganz anders sehen kann.

Aber das ist schnell etwas anderem gewichen: der Freude am Austausch mit  herzlichen und gradlinigen, manchmal auch frontal-direkten Menschen, voll Charme und Esprit. Gut, die findet man woanders auch. Aber ich habe nun mal einige in der autistischen Internet-Szene angetroffen. Menschen, die so ganz anders sind. Anders, als die 99 % der „normalen“ Bürger, die uns so im Alltag begegnen.

Autisten sind anders. Anders als die Bilder, das oft von ihnen gezeichnet werden. Es nervt sie, dauernd mit dem Savant Raymond aus dem Film Rain Man verglichen zu werden. Oder, – welch Widerspruch! – wenn man sie als geisteskrank abgestempelt und dann nicht mehr mit ihnen, sondern nur noch über sie redet.

Es verletzt sie auch, wenn der Begriff „Autismus“, die Bezeichnung ihres Anders-Seins, als rhetorische Requisite für jedwede Rätselhaftigkeit oder kommunikative Sprödigkeit irgendwelcher Leute missbraucht wird. Es scheint Mode geworden zu sein, einsilbige Interviewpartner, eigenbrödlerische Manager oder beratungsresistente Politiker eben schnell mal als Autisten zu etikettieren, weil es doch so schön „griffig“ ist.

Noch schlimmer: Wenn das Breivik-Syndrom, das selbst gewählte Exil von Gewalttätern in eine Parallelwelt mit einem völlig absurden Denksystem, als Autismus bezeichnet und so in der Boulevardpresse kolportiert wird. Einmal falsch in der Masse verbreitet, lässt sich das kaum noch richtig stellen. Die Autisten, die ich kennenlernen durfte, haben einen ausgeprägten Gerechtigekitssinn und vertreten eine anspruchsvolle Ethik. Viele von ihnen sind sozial engagiert.

Autisten sind anders. Auch anders als andere Autisten. Eine gängige Redewendung lautet:

Wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du einen Autisten.

Selbst Klassifizierungen wie Kanner- und Asperger-Syndrom, niedrig- oder hochfunktionaler Autismus usw. greifen zu kurz, so nötig diese Begriffe manchmal auch sein mögen. Gewiss: bestimmte Phänomene, so die Schwierigkeit, Gesichter, das Minensspiel und Gesten zu erkennen, sprachliche Konnotationen, Ironie oder Sarkasmus zu deuten, Reize zu filtern usw. sind so häufig, dass sie als charakteristisch gelten. Aber das ist jedoch bei jedem anders ausgepägt. Manche Autisten sind Meister der Ironie, einige spicken ihre Rede mit Redewendungen und Metaphern, wieder andere sind superbe Cartoonisten, was ein gerüttelt Maß an Gespür für nonverbale Ausdrucksformen voraussetzt.

Das mag verwirrend klingen. Aber es ist m. E. eine Chance. Das Bewusstsein darüber, dass man niemanden in die Schublade vorgefertigter Vorstellungen stecken kann, zwingt dazu, jedem ganz neu und ohne Vorbehalte zu begegnen. Das finde ich gut. Und das gilt ja beileibe nicht nur für Autisten.

Autisten sind anders. Anders auch, als ich sie mir vorstelle. Denn ich bin ihnen bislang (bewusst) nur im Internet begegnet. Also nur solchen, die dort schreiben und auf Foren etc. aktiv sind. Das ist zwangsläufig eine extrem selektive, auf Textform reduzierte Wahrnehmung, weit entfernt von einem ganzheitlichen Menschenbild. Aber das kann sich ja ändern. So wie sich in meinem Bewusstsein schon viel geändert hat.

Autisten sind anders.

Oft sind sie nämlich ganz normal.

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Wegen eines Software-Fehlers ist hier leider die Kommentarfunktion inaktiv. Deswegen habe ich den Artikel hierhin in einen anderen Blog kopiert, wo Sie gerne stellung nehmen können.

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From → Sammelsorium

One Comment
  1. Aus unerfindlichen Gründen ist hier die Kommentarfuntkon inaktiv. Wer einen Kommentar schreiben möchte, kann das aber hier tun.

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