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Traumwelten, Realität und Phantasie.

30. Juni 2014

Vor einiger Zeit durfte ich als einer der Betreuer eine Gruppe von Jugendlichen auf eine Reise nach Italien begleiten. Wir fuhren mit dem Reisebus. Eine lange Tour, 24 Stunden waren wir auf der Autobahn. 24 Stunden Hinfahrt, zehn Tage später 24 Stunden zurück.

Die Teens hatten DVDs mitgebracht, die wir über die Videoanlage des Busses gucken konnten. Irgendwann auf der Rücktour hatten sie den Streifen Inception von Christopher Nolan herausgesucht. Es war Spätnachmittag und noch hell. Um den Film auf den Busmonitoren sehen zu können, wurden die Vorhänge zugezogen. So war auch ich zu diesem Kinoprogramm gezwungen, obwohl ich lieber in die Landschaft draußen geguckt hätte.

Der Science-fiction-Film schildert die Reise des Agenten Dominick Cobb, gespielt von Leonardo DiCaprio, und einiger Mitstreiter in das Unterbewusste des Wirtschaftsmanagers Robert Fischer. Cobb ist in der Lage, sich während der Traumphasen seines Opfers  in verschiedenen Ebenen des Unterbewussten zu bewegen, dort Erinnerungen (z. B. Passwörter)  zu stehlen, suggestive Gedanken einzupflanzen (im Film Inception genannt) und eigene Traumwelten – Träume in Träumen –  zu erschaffen. Eine äußerst komplexe,  schwer nachzuvollziehende Handlung.

Genervt vom Wirrwar permanenter Actionszenen zupfte ich am Vorhang, lugte durch den Spalt und sah in einem ausgetrockneten Flussbett in der Poebene einen Seidenreiher stehen. Es war das erste Mal, dass ich einen freilebenden Seidenreiher sah.

Der Film hat für mich eine Schlüsselszene, deren Bedeutung den Teens inmitten der Maschinengewehrsalven und Explosionen entgangen sein dürfte. In der tiefsten Ebene des Unterbewussten des Wirtschaftsbosses begegnet Cobb seiner Frau Mal (Marion Cotillard), die auf Grund einer früher einmal von Cobb durchgeführten Suggestion, aber ohne dessen Absicht, im realen Leben Selbstmord beging. Mal ist so fasziniert von der Kraft, visionäre Phantasiewelten zu erschaffen, dass sie für immer dort bleiben will und ihren Mann zu überreden versucht, nicht in die Realität zurückzukehren. Dieser sehnt sich jedoch nach dem vergleichsweise trivialen, aber realen Familienleben mit seinen Kindern.

Für mich hatte die Situation etwas unfreiwillig Ironisches an sich. Virtuelle Welten flimmerten da über die Flachbildschirme des Reisebusses, geschaffen in den Special-Effect-Studios und Animationscomputern Hollywoods. Phantastische Traumwelten. Die jungen Leute waren fasziniert.

Von der untergehenden Sonne glutrot beleuchtet, tauchten vor uns die Alpen auf. Die Teenager sahen es nicht. Sie wollten die Realität nicht. Sie bot zu wenig Action.

Für mich stellt sich angesichts dieses Film die Frage, welche Rolle Phantasiewelten in unserem Leben spielen. Welche Rolle sie spielen müssen, um uns lebendig zu erhalten und wo die Grenze zum Realitätsverlust ist.

Zweifellos ist Phantasie,  und damit Imagination, eine Grundvoraussetzung für jeden technischen Fortschritt und für jede künstlerische Kreativität. Imagination ist die Grundlage für Planen und Erfinden schlechthin. Darum soll es hier auch nicht gehen. Meine Frage zielt auf die Bedeutung von Phantasie- und Parallelwelten in unserer Psyche.

Ich erinnere mich an eine Zeit als kleiner Junge, in der ich mit großer Leidenschaft Landkarten von selbsterfundenen Robinsoninseln zeichnete. Auf einem relativ kleinen Eiland vereinte ich ein buntes Sortiment verschiedenster Biotope: Sümpfe, Dünen, Regenwald, einen Vulkan, Steilküsten, Strände und Riffe. Ein Paradies, ganz für mich allein. Was mir heute auffällt, ist, dass es sich um die genaue Gegenwelt zu meiner realen Umwelt handelte. Ich lebte damals im dritten Stock eines gesichtslosen Mietshauses an einer verkehrsreichen Straße inmitten einer Großsstadt. Und ich war in der Schule von einem Gewimmel von Menschen umgeben, mit denen ich nicht klar kam.

Das ist vergleichsweise normal. Ich denke, jeder braucht irgendwie solche Urlaubsorte für die Seele, sei es beim Lesen von schöner Literatur, beim Anschauen von Filmen oder durch „Kino im eigenen Kopf“.

Meine These ist, je unsicherer sich ein Mensch im realen Leben fühlt, desto wichtiger ist dieser Rückzugsort. Und desto problematischer wird es, wenn ihm dieser Ort nicht gegönnt wird.

In einer Kindergruppe begegnete mir ein zehnjähriges Mädchen. Sie schwieg. Und das konsequent, auch in der Schule und sonstwo.  Nicht einmal ihren Namen wollte sie uns sagen. Wir Betreuer grübelten, um welches traumatisches Erlebnis sie ein so großes Geheimnis machte.

Nach vielen Jahren hat sie es mir erzählt: Sie hatte ihre Kindheit in einem tropischen Land verbracht. Wärme, Licht, die üppige Flora und Fauna, herzliche Menschen, die im Einklang mit der Natur lebten, das war für sie das Paradies gewesen, dort war sie glücklich. Dann heiratete die Mutter einen Deutschen, die Familie siedelte in den Norden um, wo nicht nur das Klima, sondern auch die Menschen rauh waren. Die Phantasiewelt, in die sie sich flüchtete, wurde ihr bei Schuleintritt von den Lehrern schroff verboten. Also machte sie dicht, über viele Jahre. Die Welt der „Anderen“ betrachtete sie aus der Position der Beobachterin.

Hatten die Lehrer da etwas nicht begriffen? Mir scheint es so. Offensichtlich war die Welt, in die sich das Mädchen da hineinträumte, überlebensnotwendig in einer als fremd und feindlich empfundenen Umgebung. Sei es nun als Rückzugsort, um sich von der harten Realität zu erholen, sei es, um im Gedankenspiel der Phantasie Bewältigungsstrategien für die Kämpfe des Alltags zu entwickeln.

Inzwischen begegnen mir immer häufiger Menschen, die sich auf Grund ihrer Eigenart als „fremd“ auf dieser Welt empfinden oder die schwere Leiderfahrungen machen mussten. Und viele von ihnen haben ungedruckte Romane in der Schublade und die tollsten Fantasygeschichten im Kopf. Ich finde das wunderbar! Ich wünsche ihnen sehr, dass sie aus ihrer Phantasie Kraft schöpfen und ihre Gedankenwelten in ihr reales Leben integrieren können, dass aus Imagination Inspiration wird!

Nur eines darf nicht geschehen. Nämlich, dass sie, wie Mal in dem Film Inception, in ihren Träumen verloren gehen. Das wird am ehesten dadurch vermieden, in dem wir Phantasien nicht verbieten oder als spinnert hinstellen, sondern als Bereicherung annehmen. Bei uns selbst und bei anderen.

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From → Film, Sammelsorium

7 Kommentare
  1. Ich kenne mich bei Phantasiewelten von Erwachsenen zu wenig aus. Dass Kinder sich in diese flüchten bzw. einige ja auch imaginäre Freunde konzipieren, ist für diese wichtig. Z.B. haben Forschungen herausgestellt, dass imaginäre Freunde überwiegend keine bzw. nicht nur positive Eigenschaften besitzen, sondern durchaus besserwisserisch, hämisch usw. sein können. Eigentlich sollte man meinen, wenn das Hirn schon einen solchen Freund erschafft, wäre er wenigstens ein positiver Unterstützer des imaginierenden Kindes.

    Wenn Erwachsene sich zu sehr flüchten, dann zeigt das auch, dass sie mit ihrer Umwelt nicht klarkommen und dass sie eben das nicht gelernt haben. Bis zu einem gewissen Maße ist die Verweigerung der Realität, der Normalität meiner Meinung nach super, denn ich empfinde nichts langweiliger als die, die sich seit ewig in festen Bahnen fügen. Doch die Realität nicht anzunehmen bedeutet auch, nie zufrieden zu sein. Und da bin ich gegen. (https://gescheuchteigel.wordpress.com/2014/06/08/dagegen/)

    Etwas anderes ist deine Beobachtungen hinsichtlich der Jugendlichen: Ich glaube, dass man da differenzieren muss. Als Jugendliche habe ich mich von Natur durchaus beeindrucken lassen. Doch nicht mit der Ausdauer, die Erwachsene dabei zeigen können. Ich finde, Jugendliche auf einer langen Busreise dürfen ruhig mehrere Filme sehen und sich unterhalten lassen. Dann ist wenigstens mal Ruhe und als Begleiter kann man sich auf die Natur außerhalbs konzentrieren. und sei es auch nur, indem man hinterm Vorhang hervorlugt.

    • Du schreibst: „Z.B. haben Forschungen herausgestellt, dass imaginäre Freunde überwiegend keine bzw. nicht nur positive Eigenschaften besitzen, sondern durchaus besserwisserisch, hämisch usw. sein können. Eigentlich sollte man meinen, wenn das Hirn schon einen solchen Freund erschafft, wäre er wenigstens ein positiver Unterstützer des imaginierenden Kindes.“

      Ich habe auch von solchen Fällen gehört. Aber dort handelte es sich nicht um Produkte einer kreativen Phantasie, sondern psychotische Phänomene, die wohl am ehesten mit Schizophrenie in Verbindung zu bringen sind.

  2. Vor einer Weile fragtes du mich nach meiner Meinung zu diesem Beitrag, und bis heute verwundert es mich, dass dich gerade die meinige zu interessieren scheint, denn auch ich zähle mich im Grunde noch zu den oben beschriebenen Jugendlichen, die sich von allem beeindrucken lassen und die Welt der Fantasie auf ihre ganz eigene Weise zu beherrschen wissen. Mit meinen gerade gewordenen 20 Jahren habe ich bisher noch kaum etwas von dieser Welt sehen können und fühle mich auf dem Sprung des „erwachsen Werdens´´ so sehr bedrängt wie nie zuvor. Gefangen im Trott des Alltages, gefangen unter den Fittichen der Eltern, gefangen in der Bildungseinrichtung, deren Effizienz ich immer mehr verfehle, gefangen in einer Kleinstadt, in der jeder Tag dem anderen gleicht. Ich glaube gerade in Situationen wie der meinen darf und kann man da Grundprinzip des Träumens nicht aufgeben, denn Träume sind es, die uns neuen Mut und neue Hoffnung geben, Träume sind es die uns dazu bringen immer weiter zu machen, denn wir glauben dass danach alles anders, alles besser wird. Natürlich wissen wir schon vorher das es oft zwar anders, nicht aber unbedingt besser wird, und doch, doch halten wir an diesen Träumen fest, auch wenn wir wissen, dass die aller meisten davon nie in Erfüllung gehen werden. Warum wir an diesen festhalten, uns versuchen vor der jeweils aktuell vorherrschenden Realität zu verstecken, die Vergangenheit immer wieder versuchen schöner zu reden, als sie in Wirklichkeit war? Ganz einfach, diese Träume sind es, die uns am leben halten, ohne ein Ziel (einen Wunsch) auf das wir wenigstens versuchen können zuzusteuern hätten wir keinerlei Grund mehr, dieses uns gegebenen Leben nach allen Möglichkeiten auszunutzen und auszuprobieren, wo wäre dann noch ein Unterschied zwischen Leben und Tod, wenn das Leben absolut ohne Sinn wäre? Würden wir im Ernstfall ohne Träume vielleicht nicht gar den Tod dem Leben vorziehen, denn das reine Überleben bedeutet sinnlose Anstrengung, von der uns der Tod erlösen könnte.

    • Danke, liebe Julie, für deine so ausführliche Antwort! 🙂
      Dich wundert, dass ich dich nach deiner Meinung gefragt habe?
      Eigentlich sollte es doch normal sein, den Austausch zu suchen und einander so verstehen zu lernen, oder?

      • Natürlich ist es normal und ich liebe den Austausch mit anderen, er ist mein größter Ansporn, warum ich diesen Blog führe des Gedankenaustausches halber, leider nehmen sich bisher die wenigsten Zeit mit mir diskutieren zu wollen, deshalb wunderte mich deine Anfrage, erfreut mich aber im gleichen Zug umdo mehr. 😀

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  1. Traumwelten, Realität und Phantasie. | theolounge.de
  2. Querverweis: “Traumwelten, Realität und Phantasie.” | Erdlingskunde

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