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Autisten sind anders!

Ja, auch ich habe Vorurteile gehabt. Oder besser gesagt: ein äußerst beschränktes und deshalb unbrauchbares Wissen. Kein Wunder, denn ich bin früher nie mit Autisten in Kontakt gekommen. Jedenfalls nicht so, dass ich es gemerkt hätte.

Was ich über Autismus wusste, stammte aus beiläufig aufgeschnappten Notizen in der Presse. Autisten, das waren demnach Leute, die ihre Mitmenschen entweder gar nicht zur Kenntnis nahmen oder ihnen bestenfalls den Stellenwert von Gegenständen einräumten. Leute, die keine Gefühle zeigten und demnach wohl auch keine hatten. Oder, wenn doch, dann nur gegenüber Pferden, Hunden und Delfinen. Ja, irgendwie unheimlich, diese seltsame Spezies von Menschen. Ich hatte jedenfalls keine Lust, mit ihnen zu tun zu bekommen. Jemand, der mich als Person, als Gegenüber, als Gesprächspartner nicht wertschätzt, konnte mir gestohlen bleiben.

Egal, Autismus ging mich nichts an und ich dachte nicht weiter darüber nach. Wozu auch! Weiterlesen …

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Was sind Desertate?

„Desertat“ ist ein hier zum ersten Mal vorgestelltes Kunstwort, das sich aus drei lateinischen Verben bzw. zugehörigen Adjektiven und Substantiven herleitet:

1. desero : verlassen. Adj.: desertus: verlassen, öde, wüst, unbewohnt.

2. reservo: aufbewahren, erhalten, retten. Daher unser Begriff Reservat.

3. desidero: sich (nach etwas) sehnen, etwas verlangen, begehren. Subst. desiderium: Verlangen, Sehnsucht, auch: Heimweh. nkl: Desiderat: etwas, wonach man sich sehnt.

Ein Desertat ist ein oftmals sehr kleines Areal innerhalb einer relativ dicht besiedelten und landwirtschaftlich oder industriell intensiv genutzter Landschaft, das nicht oder nicht mehr von Menschen genutzt wird, dabei aber im Gegensatz zu touristisch erschlossenen Naturparks von der Bevölkerung weitgehend unbeachtet und sich selbst überlassen bleibt. Typisch ist eine weitgehend unbeeinflusste biologische Sukkzession. Kurz: ein Desertat ist eine kleine Wildnis. Weiterlesen …

Kurzmitteilung

Tattoos und Piercing: Warum?

„Ich knie hier vor dir als Bewunderer der schönen Künste!“

Gelächter ringsum, das war eingeplant. Auch das Mädchen, das seine langen Beine von der Gartenmauer baumeln ließ, lachte herzlich! Schließlich passierte es nicht alle Tage, dass ein Knabe etwas fortgeschrittenen Semesters sich vor ihr hinhockte, ungeniert ihre sportlichen Waden betrachtete und dann auch noch so einen geschwollenen Spruch los ließ. Aber ich wusste, dass ich es bei ihr machen durfte, so unkompliziert, humorvoll und charmant, wie sie war. Die junge Schönheit gehörte zu einer Gruppe von Firmlingen, mit denen wir eine Fahrt ins sommerliche Italien gemacht hatten.

Und so begann sie unaufgefordert zu plaudern. Es schien, als hätte sie das schon öfter getan. Ja, das Bild von dem mit Seetang umwucherten Anker an ihrem Fußgelenk, dass ich da begutachtete, sei „echt“. Weiterlesen …

Offener Brief an alle Bäcker, Konditoren und Stollenfabrikanten.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Das Hochfest der Geburt Jesu ist nun vorüber und die Christstollensaison ist damit für Ihre Zunft gelaufen. Was jetzt noch nicht verkauft wurde, wird ab heute für den halben Preis über die Ladentheke gehen. Hoffentlich  haben auch Sie nun ein wenig Ruhe vielleicht auch Zeit, über die nächste Weihnachtssaison nachzudenken. Ich möchte Sie nämlich auf eine Marktlücke hinweisen, die Sie mit einer Produktinnovation leicht füllen können! Weiterlesen …

Sind wir hier in IKEA?!

“Post!” tönt es kurz aus der Gegensprechanlage und ich drücke auf den Türsummer. Der Paketbote turnt die Treppe hoch.

“Kannst du ein Paket für deinen Nachbarn annehmen?” fragt er.

“Klar, kann ich!” Ich nehme die Sendung des Internet-Versandhandels entgegen und quittiere ihm das auf seinem Eingabegerät.

“Für dich hab ich auchz noch ein Päckchen!”

“Schön!” Für das Päckchen muss ich nicht noch einen masernkranken Regenwurm auf das Display kritzeln. “Schönes Wochenende!” Und schon düst er davon.

Nachdem ich die beiden Kartons abgestellt habe, werfe ich einen Blick in den Garderobenspiegel. Sehe ich wirklich noch so milchgesichtig aus, dass mich der Jungspund ungeniert duzen darf? Weiterlesen …

Coffee to go berserk!

„Mal sehen, wie die Fikadellen denn heute heißen…“ Mein Komilitone und ich studierten dem Menüplan der Mensa und stellten uns bei den Hackfleischbällchen an. Nachdem ich an der Ausgabe meine Pappmarke gegen ein orangefarbenes Tablett getauscht und einen Blick auf mein darauf befindliches Mittagsmahl geworfen hatte, meinte ich, der Küchenchef hätte die Dinger auch „Koprolithen*“ nennen können.

Die Mensa war von der Geräuschkulisse allgemeiner Gespräche erfüllt, aber es gab kein Geschirrgeklapper. Denn es gab kein Geschirr. Weiterlesen …

Das Knistern von Kandis im Tee.

Brief eines 78er Alt-Ökis an eine Jugendliche von heute.

Liebe Joana!

Bevor ich auf unser Gespräch von vorhin zurückkomme, möchte ich ein Erlebnis aus der Mitte der 80er Jahre erzählen. Damals war gerade die AIDS-Problematik in den Medien aufgekommen. Die Berührungsängste waren groß. Es gab viel Aufklärungsbedarf. Ich hatte eher Zufällig die Gelegenheit, dazu an einem Seminar der Caritas teilzunehmen. Dort hatte einer der Workshops das Thema: „Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass du nur noch sechs Monate zu leben hättest?“

Wir haben viel diskutiert, uns ausgetauscht und sogar „Dialoge am Sterbebett“  improvisiert. Da kam so einiges zusammen! Viele Gedanken, die dann, auf gelbe Kärtchen geschrieben, an der Plakatwand hingen. Die Semiarleiterin ließ irgendwann ihren Blick über die vielen Stichworte gleiten und las ein paar der Dinge vor, die wir vor unserem letzten Schnaufer unbedingt noch getan haben wollten.

Sie schaute schweigend in die Runde.

Dann schrie sie sie uns  an: „DANN MACHT DAS DOCH!“

Wir zuckten zusammen.

Ja, aber wieso eigentlich? Sie hatte doch recht!

Okay, wenn man damit rechnen darf, dass der Sensemann doch nicht in einem halben Jahr, sondern in einem halben Jahrhundert an die Tür klopft, wird man nicht unbedacht sein Konto plündern und alles Ersparte für eine Weltreise ausgeben. Das ist schon richtig. Aber Keller und Dachboden aufräumen, um sich von allem überflüssigen Ballast zu trennen? Einem  fast vergessenen Menschen endlich mal wieder einen Brief schreiben? Jemandem, wo es lange überfällig war, Danke sagen? Einem Menschen, den man verletzt hat, um Vergebung bitten? Selber Vergebung aussprechen, Frieden schließen? Frieden schließen, – vielleicht auch mit sich selbst?

Und:

Jeden Moment des Lebens intensiv leben, keinen Augenblick verplempern?

Warum nicht jetzt, heute? Warum damit warten, bis Gevatter Tod die Sense wetzt und es zu spät ist?

Liebe Joana, vorhin hatte ich dir ein wenig von dem Lebensgefühl aus der Zeit der Öko-Bewegung in den späten 70er und frühen 80er Jahren erzählt. Einer Zeit, als ich so alt war wie du jetzt. Du hattest in meinem Blog gestöbert und gelesen, was wir damals so gemacht haben. Und dann meintest du:

„Ich möchte mal eine Woche in der Zeit von damals leben und herausfinden, was ich besser finden würde.“

Da kann ich nur sagen: Dann mach das doch! Weiterlesen …